Stadtteil-Interview: Ottensen, was gibt es im Dorf?

Einiges tut sich hier, sei es auf kulturellem Gebiet, in der Auswahl spannender Geschäfte oder einer lebendigen Gastronomieszene. Zuerst begann es ganz gemächlich als Bauerndorf und wurde dann 1640 für 200 Jahre Dänemark zugeschlagen. Es herrschte Zollfreiheit. Somit blühten Handel und Handwerk auf. Als es dann zu Preußen gehörte, setzte die Industrialisierung ein. Ottensen wurde zeitweise zum bedeutendsten Industriestandort Norddeutschlands. All das hinterließ bauliche Spuren. Inzwischen ist Ottensen ein sehr beliebter Stadtteil Hamburgs.

Ottensen, warum wirst du auch manchmal Mottenburg genannt?

Eine Erklärung ist die verstärkte Ansiedelung von Glasbläsereien. Die Glasbläser erkrankten durch die beengten und schlechtgelüfteten Werkstätten häufig an Tuberkulose, das umgangssprachlich „die Motten haben“ hieß. Die Krankheit zerfraß die Lunge, wie die Motten den Stoff. Dem Zweitnamen wurde mit späteren Straßenumbenennungen auch von städtischer Seite Tribut gezollt, und 1976 wurde zusätzlich das Stadtteilzentrum Die Motte eröffnet. Von Konzerten über Siebdrucken bis hin zu Imkerei und dem hauseigenen Hühnerhof gibt es hier viele Angebote für die Nachbarschaft.

Es gibt eine ehemalige dänische Zollstation, wo ist sie zu finden?

Es handelt sich um die Alte Zollstation an der Klopstockstraße gegenüber der Kirche. Sie ist gut zu erkennen an der dänischen Flagge, die immer noch hier hängt. Durch den linken Eingang fuhren die Fuhrwerke ins dänische Altona hinein und nach der Abfertigung fuhren sie durch die rechte Torausfahrt ins preußische Altona. Diese Grenzsituation führte zu sehr originellen Schmuggelarten, z.B. wurden Hunden Taschen mit dem Schmuggelgut umgebunden, und sie überquerten die Grenze unkontrolliert auf der Straße. Leichenwagen wurden auch einfach durchgewunken, und so gelangten begehrte Handelswaren im Sarg nach Altona.

Welchen besonderen Einfluss hat Fisch auf dich, Ottensen?

Altona und ich standen bezüglich des Fisches immer in Konkurrenz zu Hamburg, was letztendlich auch zur Gründung des Altonaer Fischmarkts führte. Diese Rivalitäten finden sich auch sehr dekorativ im Stadtbild wieder. Das markanteste Symbol ist der Stuhlmannbrunnen, dessen Kampf der Meeresgötter den Sieg Altonas symbolisiert. Doch auch am Hohenesch, hinter dem Mercado, ist zu erkennen, dass hier viel Fisch verarbeitet wurde. 1913 gab es in dieser Gegend 100 fischverarbeitende Betriebe von der Fischräucherei bis zur Fischkonservenfabrik, und wegen des markanten Geruchs hieß die Große Rainstraße im Volksmund Bückelallee. Im Hohenesch 70 finden sich noch die typischen Schornsteine einer Fischräucherei und ein schmiedeeiserner Fisch. Im nahegelegenen Mercado gibt es auch frischen Fisch zu kaufen, falls Sie Appetit bekommen haben. Das Einkaufszentrum steht übrigens auf einem jüdischen Friedhof.. Aber erst nachdem ein Kompromiss gefunden wurde, und der ehemalige Friedhof mit einem Betondeckel versiegelt wurde, konnte der Bau darauf errichtet werden. Zusätzlich befindet sich im Kellergeschoss eine Gedenktafel mit einer Inschrift aus dem Alten Testament: „Tritt nicht näher…denn die Stelle, auf der du stehst, ist heiliger Boden!“

Früher warst du ein wichtiger Industriestandort, Ottensen, heute gibt es viel Kultur. Wo kann man sie finden?

Aus vielen ehemaligen Industriestätten sind kulturelle Einrichtungen geworden. Das wohl älteste Beispiel ist das Kulturzentrum Fabrik, die das erste Mal 1971 als Kommunikationszentrum eröffnet wurde. In der ehemaligen Maschinenfabrik finden das gesamte Jahr über Jugendarbeit, Konzerte, Flohmärkte und Veranstaltungen statt.

In den Zeisehallen zog nach der Schließung einer Schiffsschraubenfabrik 1979 die Filmkultur in Ottensen ein. Eine Filmhochschule mit angegliederter Mediathek, die Filmhauskneipe, Filmbüros und das Programmkino Zeise zogen ein. Hier begann unter anderem die Karriere des Regisseurs Fatih Akin.

In der Völkerstraße 14-20 wurde 1899 eine Schmiede eröffnet, der Komplex wuchs, und bis 1980 wurden Sandstrahlgebläse produziert. Inzwischen ist die Literatur eingezogen. Es handelt sich um den Carlsen Verlag, der Comics wie „Tim und Struppi“, „Petzi“ oder „Pixi“ verlegt. Hier werden auch die deutschen Bände von Harry Potter produziert. Tatsächlich ist das Altonaer Museum 1900 an der heutigen Stelle von den Bürgern errichtet worden. Nach der Kriegszerstörung wurde der Mitteltrakt wiederaufgebaut und neu konzeptioniert. In diesem Rahmen entstand der Kinderolymp als sehr gelungenes Museumskonzept für junge Besucher. Ebenfalls aus dem Viertel kommt das alljährliche Kulturfest – die altonale auf der Aktionen in ganz Ottensen für Besucher veranstaltet werden.

Was zeichnet deine „Dorfstraße“ aus?

Die Ottenser Hauptstraße ist eine sehr lebendige und bunte Einkaufsstraße mit vielen kleinen Läden und spannenden Hinterhöfen, wo es ebenfalls viel zu entdecken gibt. Am Ende der Friedensallee ist ein El Dorado für Naschkatzen. Der Bonscheladen bietet ausschließlich leckere Bonbons aus eigener Produktion mit originellen Motiven an. Außer montags kann man sogar zuschauen wie die Leckereien produziert werden.

Schon seit 1981 ist die Druckwerkstatt auf der Hauptstraße zu finden. Hier gibt es wunderbare Dinge aus Papier, schönes Schreib- und Briefpapier und bunte Kartonagen im Ladengeschäft. In der angegliederten Druckwerkstatt drucken Spezialisten alles, was die Kunden wünschen. Geht man kurz in die Große Rainstraße findet man sich im ganz neu eröffneten Rain wieder. Es gibt den ganzen Tag Frühstück, wie man es auch aus Nordamerika kennt. Von süßen und pikanten Waffeln oder diversen Pancakes gibt es alles in guter Qualität und mit frischen Zutaten. Bereichert wird das Angebot mit interessanten Cocktails. Wer hier entlanggeht, kann immer etwas Interessantes finden.

Wie lernt man dich am besten kennen, Ottensen?

Ich bin auf jeden Fall einen Ausflug wert, sozusagen als Dorf in der Stadt. Übrigens, meine Dörfler begleiten Sie gerne durch die Nachbarschaft. Rundgänge werden angeboten vom Stadtteilarchiv Ottensen und Landgang Altona. Ich freue mich auf Sie!

 

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Autorin: Ilona Kiss
Foto: Wir danken herzlich Inga Sommer für das uns überlassene Foto, das eines der typischen Häuser in Ottensen zeigt © Inga Sommer PHOTOGRAPHIE

13. Februar 2019 von Redaktion

Kategorien: Hamburg entdeckt, Stadtliebe

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