Stadtteil-Interview: Was geht, Rothenburgsort?

Zwischen Elbe und Bille wird Rothenburgsort von einigen großen Verkehrsadern durchzogen, so dass man fast den eigentlichen Arbeiterstadtteil mit vielen überraschenden Ecken übersieht. Jedoch lohnt es sich, das Viertel zu erkunden, denn es warten viele Überraschungen und einzigartige Orte auf den Besucher. Auf ein Wort, Rothenburgsort:

Es ist ungewöhnlich, über viele Brücken und Verkehrsadern zu dir zu kommen. Warum ist das so?

Ich gehörte ursprünglich der Familie Rodenburg. 1871 wurde ich der Hamburg als Vorstadt zugeschlagen. Es siedelten sich hier viele Arbeiter in Terassenbauten und später den Wohnkomplexen von Fritz Schuhmacher an. So wohnten hier zur Jahrhundertwende bis zu 70.000 Menschen. Erst 1938 wurde Billwerder abgetrennt, und Rothenburgsort wurde eigener Stadtteil. 1943 wurde ich größtenteils während der Bombenangriffe der Alliierten zerstört, es gibt sogar ein Mahnmahl. Anfangs gab es nach dem Krieg ein Wiederaufbauverbot, weil ein neues Binnenhafenbecken geplant wurde. Als sich diese Pläne zerschlugen, wurde ich ab 1950 wieder aufgebaut, deshalb gibt es noch so viele Brachflächen.

Wie sieht es heute bei dir aus? Wen beherbergst du?

Inzwischen wohnen etwas mehr als 9000 Mernschen hier, von denen circa 26 Prozent Migrationshintergrund haben. Der Stadtteil ist dadurch bunter als vor dem Krieg. Viele junge Bewohner nutzen die teils industriellen Denkmäler, um neue Unternehmungen und einzigartige Treffpunkte zu schaffen.

Erzähle mal, was ist das Besondere an dir?

Ganz in der Nähe der Elbbrücken befindet sich die liebevoll restaurierte Oldtimertankstelle aus den 1950er-Jahren. Die ehemalige Großtankstelle Brandshof wurde 1953 errichtet und steht inzwischen unter Denkmalschutz. Tanken kann man hier nicht mehr, aber es ist eine Kfz-Prüfstelle. Ein besonderes Schätzchen ist der Erfrischungsraum mit originalgetreuer Ausstattung und Speiseangebot. Übrigens sind auch Radfahrer willkommen, die die neue Oberhafen-Connection von den Deichtorhallen nach Entenwerder nutzen. Ums Eck in der Reginenstraße mache ich in Kultur. Seit 2015 gibt es hier das freie PEM Theater, in dem es tagsüber Bildungsangebote gibt, und abends werden wechselnde Bühnenprogrammme geboten.

Oldtimer-Tankstelle Brandshof

Du bist ein sehr traditionsreicher Stadtteil. Wo wirst du denn innovativ?

Direkt auf einer Verkehrsinsel der Billhorner Brückenstraße steht das Mercedeshaus. Hier schlägt mein planerisches Herz mit dem Stadtentwicklungs- und Kulturbüro überNormalNull, das im Viertel sehr um die baulichen und strukturellen Veränderungen bemüht ist. Inzwischen beherbergt das Haus auch die kreativen Köpfe von Rodenb.org, die innovative Möbel und Taschen aus Pappe produzieren. Der dort tätige Designer Achim Schnell ist auch Mitglied vom Wilden Osten, unserer Stadtteilinitiative.

Mit welchen Überraschungen kannst du noch aufwarten?

Auf der anderen Seite meiner Verkehrsader ist die Billstraße zu finden. Hier habe ich viele internationale Gäste mit ihren bunten Läden, ihrem Hindutempel und spannenden Imbissen. Gar nicht weit davon ist die Janusz-Korczak-Schule zu finden, die am Bullenhuser Damm an meine schwärzeste Vergangenheit erinnert. Die Schule war Außenlager des KZ Neuengamme. Hier brachte die SS 22 Kinder, ihre Betreuer und russische Zwangsarbeiter um. Die Gedenkstätte wurde von Schülern als Rosengarten angelegt. Nicht weit entfernt am Bullerdeich, genau genommen schon in Hammerbrook, ist eine neue Eventlocation entstanden – das Kraftwerk Bille. Eines der ersten Elektrizitätswerke Hamburgs wurde 1901 in Betrieb genommen und hat die Bombenangriffe überstanden. Die Stahl-Dachkonstruktion wurde saniert, und jetzt stehen 2400 Quadratmeter für Events zur Verfügung. Als Premiere gibt es noch bis Mitte Oktober die Hallo Festspiele.

Industriedenkmäler sind immer spannend. Gibt es davon noch weitere bei dir zu entdecken?

Auf jeden Fall und auch noch besonders schöne Exemplare. Sie haben mit dem allgegenwärtigen Wasser zu tun. Das WasserForum und die Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe. Die Anlagen zur Wasserversorgung und Wasserfilterung wurde 1893 angelegt und bis 1990 betrieben. Nach der großen Cholera-Epidemie 1892 wurde entschieden, die Stadt nicht mehr mit ungefiltertem Elbwasser zu versorgen, sondern es durch natürlichen Kies und Sand zu reinigen und dann wieder einzuspeisen. So entstand eine idyllische Anlage mit zahlreichen Bewässerungsteichen in intakter Natur. Inzwischen gibt es hier ein Museum, seit September auch einen Naturerlebnispfad und viele interesssante Veranstaltungen.

Entenwerder1

Können sich Hamburger bei dir auch erholen?

Na klar, ein besonders schöner Ort zu Erholung ist mein Elbufer. Dort ist auch Entenwerder zu finden. Im Schatten des Hotels Holiday Inn erstreckt sich ein erholsamer Park bis zur Insel Kaltehofe und der Wasserkunst. Kurz vor deren Brücke zum Deich ist der Ponton des Cafés Entenwerder1 mit dem weithin sichtbaren Goldenen Pavillon von Thomas i-Punkt zu finden. Bei Kaffee und Kuchen läßt sich hier der HafenCity RiverBus beobachten, wie er vom Ufer direkt ins Wasser fährt. Sportboote oder das Kulturfloß Schaluppe legen hier an genauso wie die Grüne Barkasse von der Maritimen Circle Line. Hinter dem Park Entenwerder, also nicht direkt am Elbufer, sind die Fangnetze der Golf Lounge zu sehen. Auf der Driving Range kann jeder sein Handicap verbessern oder in der original Almhütte feiern.

 

Autorin: Ilona Kiss

Titelfoto: Entenwerder1 © Felix Amsel Fotografie
Fotos: © HAMBURGschnackt.de – Ilona Kiss

18. Oktober 2017 von Redaktion

Kategorien: Hamburg entdeckt, Stadtliebe

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