St.-Pauli-Legende „Lotti“: 86 Jahre pure Lebenslust

Liselotte „Lotti“ Strehlow wurde 1931 in St. Pauli geboren und lebte acht Jahre nahe der Reeperbahn, bevor kriegsbedingte Umzüge nach Bayern und Hessen folgten. 1945 kehrte sie in die zerstörte Heimat zurück und begann nach dem Realschulabschluss eine Lehre zur Fotolaborantin. Schon damals jobbte sie zusätzlich als Garderobiere in St. Pauli, zum Beispiel im legendären Indra, wo später die Beatles auftraten. 1953 heiratete sie, und der Ehemann entführte sie nach Oldenburg, wo die beiden gemeinsam einen Landgasthof betrieben. Zwei Kinder entstammen dieser Ehe. Nach dem Tod ihres Mannes kehrte Liselotte nach Umwegen über Griechenland und England wieder nach St. Pauli zurück.

Noch als 70-Jährige haben Sie sich als Stadtführerin auf St. Pauli beworben. Was hat Sie daran gereizt, Liselotte Strehlow?

Ich war schon immer sehr aktiv durch meine Tätigkeit als Gastronomin und als Schmuckhändlerin auf Messen. Ich suchte eine neue Beschäftigung nebenbei, um meine damals noch in St. Pauli lebende Mutter vor Ort unterstützen zu können. Außerdem hat mich an dem Konzept von Landgang St. Pauli der starke Bezug zum Viertel gereizt. Ich wollte nämlich zeigen, wie schön St. Pauli sein kann und wie vielseitig es ist. Ich kenne es ja schon seit meiner Kindheit. Die Bewerbung hatte geklappt, und ich bin bis heute gerne dabei.

Haben Sie bestimmte Lieblingsecken in St. Pauli?

Die Talstraße und die Paul-Roosen-Straße, wo ich auch lebte, stehen für das alte St. Pauli. Gerne gehe ich auch auf den Nachtmarkt, um den Puls von heute zu spüren. Für die gute Aussicht gehe ich gerne am Weg „Bei der Erholung“ entlang und genieße den Blick auf den Hafen. Wenn ich Trubel brauche, besuche ich am Sonntagmorgen den Fischmarkt, das mache ich fast jede Woche.

Gibt es etwas, das Sie an St. Pauli nicht mögen?

Oft werden neue Bauprojekte am Viertel vorbei geplant. Die Bedürfnisse der Anwohner werden nicht berücksichtigt, statt dessen wird nur im Interesse der Investoren gebaut. Deshalb habe ich mich auch bei den Esso-Häusern engagiert, um das zu verhindern. Das immer größer werdende Partypublikum verhält sich ebenfalls sehr rücksichtslos im Viertel. In diesem Zusammenhang leisten die Beamten der Davidwache sehr gute Arbeit. Neben der Beobachtung des Milieus müssen sie sich ständig mit den Ausfällen der Partytouristen auseinandersetzen, trotzdem agieren sie sehr bürgernah und effektiv.

Sie leben auch in St. Pauli. Geschieht das aus Überzeugung?

Ja, absolut. Hier ist alles, was ich mag und brauche in der Nähe. Es ist ein toller Ort, um nach Reisen wieder zurückzukommen. Die Nachbarschaft ist sehr gut, hier wird Toleranz und Hilfsbereitschaft noch gepflegt.

Apropos Reisen – wohin fahren Sie denn gerne, wenn Sie nicht in St. Pauli sind?

Nach Griechenland, wo ich auch gelebt habe. Nach Italien, Ägypten und Kolumbien, wo ich viel Schmuck eingekauft habe.

Was sind Ihre Tipps für Besucher von St. Pauli?

Ein Besuch im ältesten italienischen Restaurant in St. Pauli dem Cuneo. Am 8. und 11. November wird es übrigens wieder einen St.-Pauli-Abend mit zwei Schauspielern und mir vom „Art loves you“-Projekt geben. Ich kann auch einen Abstecher zu den Landungsbrücken empfehlen oder einen Theaterbesuch in St. Pauli und einen Absacker auf dem Spielbudenplatz mit den gemütlichen Biergärten, sozusagen unserer „Dorflinde“. Ganz um die Ecke ist auch Planten un Blomen, wo sich ein Spaziergang zu jeder Jahreszeit lohnt. Empfehlenswert ist auch ein Besuch der St. Pauli Kirche, mit ihrem interessanten Kulturprogramm und der schönen Orgel. Hier wurde ich übrigens 1946 konfirmiert.

 

Wenn Sie Lotti Strehlow persönlich treffen wollen:

Am 8. und 11. November um jeweils 19.30 Uhr findet der St.-Pauli-Abend im Cuneo mit Lotti Strehlow unter dem Motto „Früher war alles besser, aber heute ist nicht alles schlechter“ statt; Eintritt 15 Euro, mit Spaghetti alla Puttanesca 25 Euro; Anmeldung bei Dagmar Hanneger unter hanneger@kulturimauftrag.de.
Einen Rundgang mit Lotti Strehlow kann man bei Landgang St. Pauli  buchen.
Das Model Lotti Strehlow ist zu finden auf der Website der Fotografin Andrea Kueppers .


Foto: © Ilona Kiss

25. Oktober 2017 von Redaktion

Kategorien: Hamburg erinnert, Stadtliebe

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