Ausflug mit Kultur

Seit 1999 findet auf dem Gelände des Kunstwerks Carlshütte in Büdelsdorf bei Rendsburg in den Sommermonaten die NordArt statt, eine der größten jährlichen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa. Das beeindruckende Industriedenkmal mit seiner 150-jährigen Geschichte, seinen gewaltigen Fabrikhallen, der historisch-charmanten ACO-Wagenremise und dem weitläufigen Parkgelände liefert ein faszinierendes Ambiente für Kulturveranstaltungen. Chef-Kurator Wolfgang Gramm freut sich auf das zwanzigste Jubiläum, das er zusammen mit über zweihundert Künstlern feiern wird, die dort in diesem Jahr ihre Bilder, Fotografien, Videos, Skulpturen und Installationen zeigen und die NordArt erneut zu einem Gesamtkunstwerk werden lassen.

Können Sie sich noch an die Anfänge der NordArt vor zwanzig Jahren erinnern, Wolfgang Gramm?

Oh ja, natürlich! Und an ihre kontinuierliche Entwicklung. Mit dreißig Künstlern haben wir einmal angefangen. Inzwischen wählt die Jury aus drei- bis viertausend Bewerbungen aus über hundert Ländern etwa 200 Künstler aus. Die Ausstellung wurde im Laufe der Jahre um weitere Flächen der ehemaligen Eisengießerei vergrößert. Das Gelände erstreckt sich heute über 100 000 qm. Die renovierte ACO-Wagenremise, in der wir angefangen haben, umfasst 400 qm. Der Park mit seinem alten Baumbestand, in dem in den vergangenen Jahren neue Bäume gepflanzt wurden, ist mit seinen 80 000 qm ein wunderbarer Ort für Skulpturen. Dort befindet sich zum Beispiel auch das große Natursteinlabyrinth. Im vergangenen Jahr konnte die NordArt erstmals über 100.000 Besucher begrüßen.

Über 100.000 begeisterte Besucher – hat sich die Kunst, die Sie zeigen, im Laufe der Jahre verändert?

Es wird immer eindrucksvoller, was wir zeigen können, von Videokunst über Installationen bis zu Großskulpturen. In den riesigen elf Meter hohen Hallen können große Fahrzeuge fahren. Schließlich war die Carlshütte ein Betrieb mit Schwerindustrie. Es gibt sogar noch einen alten und imposanten Schmelzofen. Das gesamte Gelände selbst bietet eine stetige und stets neue Inspiration.

Welche Geschichte hat die Carlshütte?

Als die Carlshütte 1827 ihren Betrieb aufnahm, war sie das erste Industrieunternehmen der Herzogtümer Schleswig und Holstein. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute Josef-Severin Ahlmann aus den Ruinen der elterlichen Sanitärgießerei ein Betonwerk auf – daraus entstand die heutige ACO Gruppe, die weltweit Systeme für Hoch-und Tiefbau, für Landschaftsbau und Entwässerung produziert. Als die Eisenhütte 1997 stillgelegt wurde, inzwischen war Severins Neffe Hans-Julius Ahlmann geschäftsführender Gesellschafter der ACO Gruppe, entstand die Idee, das Gelände kulturell zu nutzen. Zusammen mit ihm und seiner Frau Johanna entwickelten wir das Konzept für die NordArt. Seitdem hat sich das Projekt „Kunstwerk Carlshütte“ zu einem besonderen Ort für Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Theater- und Filmvorführungen entwickelt. Zusammen mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival wurde 2011 der Grundstein für das Zusammenspiel von Bildender Kunst und Musik gelegt.

Wie sind Sie mit der Unternehmer-Familie in Kontakt gekommen?

Wir kannten uns schon länger. Parallel zu meiner Tätigkeit als Ausstellungsleiter im Jüdischen Museum in Rendsburg entwickelte ich die Idee für das Konzept „Kunst im Betrieb“. Hans-Julius Ahlmann und ich verfolgten diesen vielleicht visionären Gedanken, Bildende Kunst auch abseits von Museen und Ausstellungsorten in die täglichen Lebensbereiche zu integrieren, weiter. Wir gaben der Kunst einen Raum an den Arbeitsstätten. An Wochenenden wurden ganze Betriebshallen leergeräumt, um dort Ausstellungen zu veranstalten oder Lesungen, etwa mit Günter Grass. Es hat mich schon immer fasziniert, Kunst zu den Menschen bringen. Daraus ist dann wiederum die Konzeption für die NordArt entstanden, die Idee, eine Ausstellung von einem Künstler für viele Künstler zu kreieren und internationale Kunst zu zeigen.

Wo fanden Sie am Anfang besondere Künstler?

Da ich selber als Künstler ausgestellt habe und es auch noch tue, entsteht vieles durch direkte Kontakte zu den Künstlern. Auf dieser Ebene vom Künstler zu Künstlern ist die Kommunikation ganz anders, als wenn ein Kulturmanager anfragt. Bei unserem Konzept steht nicht immer gleich das Geld, sondern die Suche nach Entstehungs- und Lösungswegen im Vordergrund. Da kommen von namhaften wie jungen Künstlern sehr kreative Vorschläge. Manche von der ersten Stunde sind immer noch dabei. Es müssen mittlerweile mehr als 3000 Künstler gewesen sein, die in den vergangenen Jahren auf der NordArt ausgestellt haben. Einige sind in unserem Jubiläumsjahr wieder dabei.

Und wie sind Sie selbst eigentlich zur Kunst gekommen?

Ich bin mit der Kunst aufgewachsen. Meine Eltern haben neben ihrem Broterwerb gemalt. Mit vierzehn habe ich eine Lehre als Schauwerbegestalter und Werbegrafiker absolviert. Dann wollte ich studieren. Als ich in Hamburg abgelehnt wurde, bin ich erst einmal zur Bundeswehr gegangen, habe mich für zwölf Jahre verpflichtet und dort nebenbei meine Ausbildung im Bereich Wirtschaft und Kunst fortgesetzt. Daran schloss sich die Arbeit als archäologischer Zeichner an und schließlich als Ausstellungsleiter im Dr.-Bamberger-Haus und im Jüdischen Museum Rendsburg. Nach dem Projekt „Kunst im Betrieb“ übernahm ich 1999 die Geschäftsführung des „Kunstwerks Carlshütte“. Nun stehe ich jeden Tag damit auf und gehe damit schlafen – und freue mich, wenn jedes Jahr zum Sommer eine NordArt heranwächst.

Wie wählen Sie die Künstler für die NordArt aus?

Es ist eine Herausforderung, jedes Jahr die drei- bis viertausend Bewerbungen zu sichten. Zusammen mit meiner Frau Inga Aru, selbst erfolgreiche Künstlerin, wird der Werdegang der Künstler, deren Biografie, vor allem aber deren Arbeit und Handwerk beurteilt. Wir treffen eine Vorauswahl, am Ende entscheidet dann unsere Jury mit Fachleuten aus den einzelnen Disziplinen. Dazu braucht es Erfahrung. Wir wollen auch jungen Künstlern eine Chance geben, eine Bühne zu finden. Unser Finanzrahmen ist allerdings begrenzt und teure Projekte würden dann nur mit Kooperationen und mithilfe weiteren Sponsoren realisierbar sein.

Kunst aus der Tschechischen Republik ist in diesem Jahr ein Schwerpunkt. Gibt es da auch persönliche Kontakte?

Ja, und zwar über Jahrzehnte hinweg. Ich habe mit dem inzwischen verstorbenen Schriftsteller Jiri Grusa, der ja auch Botschafter in Deutschland und Österreich war, eine Zeitlang zusammengewohnt. Mit Jan Koblasa, dem in Tschechien geborenen und im vergangenen Jahr gestorbenen Bildhauer und langjährigen Professor in Prag und Kiel, verband mich eine langjährige Freundschaft. Er ist in diesem Jahr unser Fokus-Künstler, und damit verneigt sich die NordArt nicht nur vor einer großartigen Künstlerpersönlichkeit, sondern möchte auch einen Mann ehren, der gerade in unseren Anfangsjahren ein wichtiger Impulsgeber war. Nicht zu vergessen natürlich David Černý, mit dem wir seit vielen Jahren eng zusammenarbeiten.
Wenn nun im Tschechischen Pavillon Künstler ausstellen, die neue Wege beschreiten, etwa mit 3-D-Druckern experimentieren, dann können wir unseren Besuchern einen höchst eindrucksvollen Blick auf die Entwicklung in der tschechischen Kunstszene zeigen. Darauf freuen wir uns sehr.

Gibt es weitere Schwerpunkte?

Chinesische Künstler stellen wir jedes Jahr umfangreich aus. Da haben sich über die Jahre gute Freundschaften entwickelt. Als ich vor zehn Jahren das erste Mal dort war, habe ich viele kennengelernt, die heute zu den bekanntesten Künstlern Chinas zählen. Wir hatten auch das Glück, von der deutschen und der chinesischen Botschaft Unterstützung zu bekommen.

Was werden Ihre persönlichen Highlights sein?

Das kann ich gar nicht sagen. Immer wenn ich ein neues Projekt sehe, bin ich begeistert. Wir versuchen, die Ausstellung zu bauen, als sei sie ein Film, und ich fühle mich manchmal tatsächlich wie ein Regisseur. Ein Künstler, der ein Gesamtkunstwerk aus und gemeinsam mit vielen so verschiedenen Künstlern kreiert. So gesehen ist jede NordArt ein Highlight, im großen Ganzen wie im Detail.

HIER geht es zu den virtuellen Rundgängen der Vorjahre
ANFAHRT zur NordArt

 

Autorin: Herdis Pabst
Titelfoto: Wolfgang Gramm © NordArt
Foto: Phoenix Project von Xu Bing NordArt 2017 © J. Wohlfromm
Foto: Sculpture Park NordArt 2017 © J. Wohlfromm
Foto: Apocalyptic Rider von Michal Gabriel NordArt 2017 © J. Wohlfromm
Foto: Wolves Coming von Liu Ruowang NordArt 2017 © J. Wohlfromm
Foto: Baby‘s von David Černý NordArt 2017 © J. Wohlfromm

30. Mai 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg reist, Lebensfreude

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