Glockenspiel in der St. Nikolai Kirche

St. Nikolai: Glockenspielgenuss

St. Nikolai lockt viele Besucher. Die wenigsten wissen, dass es regelmäßig Glockenspielkonzerte gibt – und das sogar umsonst.

Gudrun Schmidtke steigt 51 Stufen in den Nikolai-Kirchturm hinauf, betritt ein kleines Glashaus und nimmt am Spielpult Platz. Eine Sekunde hält sie inne. Dann schlägt sie mit ihren Fäusten auf einige Holztasten und aus der Höhe erklingt die „Musette“ von Johann Sebastian Bach.

Von der Kirche St. Nikolai steht nicht viel mehr als der riesige Turm, bei ihrer Fertigstellung 1874 war er mit 147 Metern der welthöchste. Während der „Operation Gomorrah“, als alliierte Bombenflugzeuge vom 25. Juli bis 3. August 1943 große Teile Hamburgs zerstörten, wurde auch das gewaltige Kirchenschiff getroffen.

St. Nikolai: Früher Hauptkirche, heute Mahnmal

Heute ist die Ruine St. Nikolai ein Mahnmal. Wo sich einst die Gebetsbänke befanden, stehen die Besucher in einem offenen Hof. Der Autolärm der Willy-Brandt-Straße dröhnt, Bagger reißen Bürohäuser ab, gelegentlich heult eine Feuerwehrsirene. Im ehemaligen Kirchenschiff übertönt das Carillon alles.

„Das ist Live-Musik“, ruft Gudrun Schmidtke zwischen zwei Stücken. Sie spielt ein Instrument mit 51 Glocken – eines der größten Deutschlands. Von ihrem Platz ist sie durch Tasten und Seile mit den tönenden Kelchen verbunden, deren Größe vom Trinkbecher bis zum Waschzuber reicht. Insgesamt sind es 13 Tonnen Metall.

Glockenspielgenuss in der St.-Nikolai Kirche

Gudrun Schmidtke beim Glockenspiel in der Kirche St. Nikolai

Für die Sozialpädagogin ist die Musik ein Hobby. Ursprünglich hatte Gudrun Schmidtke das Klavier- und Orgelspielen erlernt. Als sie vor 15 Jahren in der Christianskirche Ottensen zum ersten Mal ein Glockenspiel aus nächster Nähe erlebte, war sie sofort begeistert. „Ich habe mich selbst ins Carillon eingefuchst.“ In Othmarschen gibt es an jedem 1. Samstag im Monat um 15.30 Uhr ein Konzert. Am 3. Oktober 2015 sogar mit Turmschau. Dann können Interessierte auch den Spieltisch und die dazugehörigen Glöcken sehen.

Seit 2007 spielt sie regelmäßig bei den wöchentlichen Gratiskonzerten von St. Nikolai. Immer am Samstag um 12.00 Uhr rufen die Glocken zum Konzert. Ganz besonders freut sich Gudrun Schmidtke auf dem 19. September 2015. Hier kommen zum Glockenfest um 11.00 Uhr und um 15.30 Uhr jeweils für 2 Stunden fünf Kollegen ins Spiel.

Der Mix macht’s – weltliche und geistliche Musik

Bei der Auswahl der Musik habe sie freie Hand, sagt Gudrun Schmidtke. Sie schätzt eine Mischung aus weltlichen und geistlichen Stücken. Gibt es Musik, die sich besonders für das Carillon eignet? Gut seien Stücke, in denen möglichst wenige Töne gleichzeitig erklingen, Gudrun Schmidtke. Sonst würden sich durch den besonderen Glockenklang störende Reibungen im Obertonbereich ergeben.

Nach dem halbstündigen Konzert verlässt Gudrun Schmidtke ihr Glashaus, klettert in das Gerüst und winkt den Zuhörern zu. Weil sich 2011 ein zehn Kilogramm schwerer Stein am Turm löste und auf dem Fahrradweg einschlug, muss die Ruine saniert werden und ist derzeit komplett von Metallrohren und Holzbohlen umschlossen.

Spieler und Zuhörer sehen deshalb bis auf weiteres nur wenig voneinander. Trotzdem – oder gerade deshalb? – seien die Reaktionen verblüffend. „Einige Leute singen mit“, sagt Gudrun Schmidtke und strahlt: „Manche tanzen sogar zur Musik.“
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Autor: Hilmar Schulz

27. Juli 2015 von Redaktion

Kategorien: Hamburg musiziert, Kulturgenuss

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