Nathalie David: Filmemacherin und Fotografin

Als Nathalie David in den 1980er-Jahren aus Nizza nach Hamburg kam, wollte sie dem Einfluss der Front National entgehen und etwas Neues erleben. Im Gepäck hatte sie ein starkes Interesse an Film und Fotografie. Während sie parallel in beiden Städten studierte, machte Nathalie David daraus eine eigene Ausdrucksform, in der sie das Leben und Werk bekannter Künstler dokumentiert und erzählt. Hier verrät sie, was sie zu ihrer Arbeit inspiriert und wie Hamburg zu ihrer „Zuhause-Stadt“ wurde.

Frau David, wie wurden Sie zur Grenzgängerin zwischen Film, Fotografie und Zeichnen?

Als Kind lebte ich an der Grenze zu Italien, also war ich sehr früh mit unterschiedlichen Sprachen konfrontiert, auch in der Kunst. Ende der 1980er-Jahre war die Malerei in Frankreich nicht so präsent, aber es gab viele verschiedene Kunstformen wie die von Christian Boltanski, Annette Messager und Sophie Calle, die mit ihren Installationen Geschichten erzählt und das traditionelle Verständnis von Kunst herausgefordert haben. Es gab die Post-Readymade-Haltung, Installation und „Work in situ“. Man konnte mit ganz verschiedenen Medien viel ausprobieren. Das hat mich inspiriert.

Was hat ihr starkes Interesse an Film und Fotografie geweckt?

Ich bin im einem Land groß geworden, in dem die Kunst der klassischen Moderne überall präsent ist. Gleichzeitig war die Kunsthochschule „Villa Arson“ in Nizza an eines der wichtigsten Museen für die Kunst der Gegenwart gekoppelt. Wir konnten also jeden Tag Arbeiten der internationalen neuen Kunstszene ansehen und gleichzeitig die Moderne in uns aufnehmen. Außerdem habe ich als Studentin an der Hochschule alle meine Arbeiten fotografisch dokumentiert und mochte es, die Arbeit durch das Auge einer Kamera zu betrachten und damit festzuhalten. Dann besuchte ich irgendwann eine Ausstellung mit Bildern des irischen Fotografen Edward Quinn, der das Leben und Werk von Pablo Picasso dokumentiert hat. Das hat mich fasziniert, weil es so viel mehr war als nur eine Dokumentation.

Sie haben in Hamburg und Nizza studiert – was hat Sie dazu bewogen, in Hamburg vor Anker zu gehen?

Als Studentin habe ich viel Blaise Cendrars gelesen. In einem seiner Bücher erzählt er von Hamburg, von den Menschen und vom Hafen. Ich hatte die Passagen unterstrichen. Ende der 1980er-Jahre hatte ich genug vom Einfluss der Front National in Nizza. Es war hart: Die Stadt war heruntergekommen, und es gab viel Rassismus und Ungerechtigkeit. Ich wollte woanders hingehen und etwas anderes erleben. Durch die erste französische Retrospektive von Franz Erhard Walter gab es einen Kontakt zwischen meiner Kunsthochschule und der Hochschule für bildende Künste (HFBK )Hamburg. Ich habe mich dort einfach beworben und wurde angenommen. Die HFBK war ganz anders als das, was ich kannte. Das war wunderbar, und dann die Stadt – so viele Kanäle, so viel Wasser! Eine echte Hafenstadt und ein „Melting Pot“ für Menschen. Das fand ich sehr spannend. Außerdem liegt Hamburg nah an Dänemark und damit wieder an einer Grenze von Sprache und Kultur. Die Nähe zum Meer ist mir auch sehr wichtig. Das Meer war für mich schon als Kind wichtiger als die Berge.

Welchen Einfluss hatte die Zusammenarbeit mit der 2013 verstorbenen Hamburger Fotografin Leonore Mau auf Sie?

Leonore und ich hatten vieles gemeinsam. Beide hinter der Kamera, beide dokumentarisch arbeitend auf einer künstlerischen Ebene und mit viel Respekt den Menschen gegenüber. Ich war fasziniert von ihrer Weltbürgerschaft. Sie konnte fünf Sprachen, das fand ich beeindruckend. Leonore Mau hatte außerdem einen tollen Humor. Sie war begeistert von Menschen und gleichzeitig streng in ihrer Arbeit und ihrer Kritik. Bei ihr gab es keine schnelle Selbstzufriedenheit, sondern nur ein Weitergehen, bis man wirklich mit seiner Arbeit zufrieden ist. Ich glaube, das ist die Haltung, die mich am meisten beeinflusst hat.

 

Wo ist Ihr liebster Kultur-Ort in Hamburg?

Das ist die Hamburger Kunsthalle, weil sie über 750 Jahre Kunst bietet. Ein Ort, wo ich mir immer wieder Bilder anschauen kann, so oft wie ich möchte. Ich bin schon seit zehn Jahren freie Mitarbeiterin der Kunsthalle und führe die Menschen in französischer Sprache durch die Kunst aller Zeiten. Dadurch verlerne ich meine Sprache nicht und kann mich gleichzeitig in die Kunstgeschichte vertiefen: die Beziehung und Verknüpfung von einer Periode zur anderen.

 

In Hamburg haben Sie auch Ihre eigene Produktionsfirma PITCHOUN PRODUCTION gegründet. Was ist ihr aktuelles Projekt?

Am 4. Juli wird mein erstes Künstlerbuch „Runges Märchen“ in der Kunsthalle präsentiert. Es geht um zwei Märchen: „Von dem Fischer un syner Frau“ und „Von dem Machandelboom“, die der Maler Philipp Otto Runge 1806 veröffentlicht hat. Da ich über ihn schon einen Film für die Kunsthalle gemacht hatte, kannte ich bereits die Details seiner Arbeit. Dieses Wissen konnte ich für das Buch nutzen, um Collagen herzustellen. Ich bin beeindruckt von der Vielfältigkeit seines Werks, die zu dessen Lebzeiten ungewöhnlich war. Nicht nur die Zeichnungen haben mich interessiert, sondern auch seine Farblehre und seine Spielkarten. Wunderbare Motive, um die Protagonisten dieser Märchen darzustellen. Das Buch enthält eine Fassung der Märchen auf Plattdüütsch und eine auf Hochdeutsch und wird durch Audio-Varianten der Geschichten als Hörbuch und Hörspiel ergänzt.

 

 

Autorin: Julia Barthel
Titelfoto: Nathalie David bei der Arbeit © Nathalie David
Foto: © Nathalie David – fondation Theodore Strawinsky

20. Juni 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg filmt, Kulturgenuss

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