Mein Hamburg: Lothar Dittmer

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen Lothar Dittmer, Vorstandschef der Körber-Stiftung

Dass große Stiftungen das Privileg haben, über so viel Vermögen zu verfügen, dass sie ganz unabhängig Projekte vorantreiben können, hat Lothar Dittmer schon früh begeistert. Bei seinem Lehrerstudium hat er sich bald umorientiert und als Historiker promoviert. Zunächst hat er sich mit Erwachsenenbildung beschäftigt, bei der Körber-Stiftung hat er dann ein Aufgabenfeld gefunden, das ihn bis heute fasziniert. Als Vorsitzender des Vorstands hat er die strategische Verantwortung für die Stiftung.

Nach Ihrem Studium haben Sie Hamburg verlassen. Was hat Sie in die Stadt zurückgebracht?

Die Stelle bei der Körber-Stiftung war so attraktiv, dass ich nach Bergedorf gegangen bin, ein sehr schöner, autonomer und auch bodenständiger Stadtteil. Erst 1937 ist Bergedorf mit dem Groß-Hamburg-Gesetz zu Hamburg gekommen, das Eigenständige haben sich die Bergedorfer bis heute bewahrt. Noch heute sagen sie, sie führen nach Hamburg. Ich habe dort zwölf Jahre gelebt und wohne nun seit gut zehn Jahren wieder in der Innenstadt, im Univiertel. Inzwischen wissen ich und meine Familie die Vorteile eines urbanen Lebens zu schätzen. Man kann alles fußläufig erreichen, hat das Wasser fast vor der Haustür und ist innerhalb von zehn Minuten im Grünen.

Und von ihrem Büro an der Kehrwiederspitze haben Sie einen großartigen Blick auf den Hafen.

Die Alster ist ja eher ein mondäner großbürgerlicher Bereich mit den wunderschönen Villen und einem Wohlstand, den man sehen und spüren kann. Der Hafen und die Elbe stehen dagegen für die Arbeitsseite von Hamburg. Mit ihrem industriellen Hintergrund passt die Körber-Stiftung besser an die Elbe als an die Alster. Beim Umzug vor zwölf Jahren von Bergedorf in die Innenstadt wurde bewusst dieser Standort ausgewählt.

Was hat Sie gereizt, zur Körber-Stiftung, einer der großen Stiftungen Hamburgs und Deutschlands, zu gehen?

Vor mehr als zwanzig Jahren hatte ich als Historiker die Chance, die Leitung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten zu übernehmen, eines der ältesten Projekte der Stiftung. Es war eine Zeit, in der die Stiftung stark gewachsen ist. Denn als Kurt A. Körber, der die Stiftung gründete, 1992 starb, ist sowohl sein Privatvermögen als auch sein Unternehmen in das Vermögen der Stiftung eingegangen. Aus kleinen Anfängen ist heute eine Stiftung mit 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geworden. Es ist schon eine einmalige Situation, am Wachstum einer solchen Organisation teilhaben zu dürfen. Ich war irgendwann für ganze Arbeitsreiche verantwortlich und bin seit mittlerweile 10 Jahren im Vorstand.

Welche Philosophie hat die Stiftung, es gibt ja vielfältige Aktivitäten?

Kurt A. Körber haben vier große Themen bewegt. Er hat sich erstens um den Frieden gesorgt, so wurde die internationale Verständigung in unseren Projekten zu einem zentralen Thema, insbesondere das Verhältnis zu Russland. Körber war zweitens davon überzeugt, dass wir unseren Wohlstand nur erhalten können, wenn wir innovativ bleiben. Also unterstützt die Stiftung Bildung und Wissenschaft. Drittens glaubte er, dass eine Gesellschaft nur überlebensfähig ist, wenn die Bürger zu ihrer Stabilität beitragen. Somit setzt sich die Stiftung für eine lebendige Bürgergesellschaft ein. Und schließlich war es die Kultur, die ihm immer Freude bereitet hat. 1957 gründete er eine Stiftung zum Wiederaufbau des Thalia-Theaters, der Auftakt zur heutigen Körber-Stiftung. Auch die Deichtorhallen gäbe es ohne ihn nicht mehr.

Die Körber-Stiftung organisiert jede Menge Veranstaltungen und Projekte.

Im KörberForum in der HafenCity geht es mit etwa 100 Veranstaltungen im Jahr darum, die Bürger an politischen Diskussionen zu beteiligen und ihnen einen vertieften Einblick in Themen zu ermöglichen. Es geht um regionale Fragen, etwa wie der Verkehr der Zukunft in Hamburg aussehen muss oder ob wir uns mit dem G-20-Gipfel übernommen haben. Aber auch weltweite Problemstellungen werden diskutiert, etwa wie es gelingen kann, in die digitale Gesellschaft einzusteigen, ohne dass uns die Technik dominiert. Oder, ob wir Deutschen in internationalen Konflikten weiterhin zurückhaltend sein sollten oder doch gefordert sind, Verantwortung für Europa und die Welt zu übernehmen. Bei all diesen Debatten geht es um Aufklärung und darum, Vertrauen zu schaffen sowie um eine Sensibilisierung für diese Themen.

Und die Projekte? Funktionieren die auch auf internationaler Ebene?

Ein Beispiel: Seit zehn Jahren ermöglichen wir einer Gruppe von 25 Nachwuchsdiplomaten, an der Münchner Sicherheitskonferenz teilzunehmen. Sie kommen aus vielen Ländern, vom Iran über Israel und Russland bis zu Großbritannien, Deutschland oder den USA. Die jungen Diplomaten sprechen dort mit den Mächtigen dieser Welt. Das eigentliche Ziel ist aber, dass sie sich untereinander vernetzen und Vertrauen zueinander aufbauen. Später werden sie dann hoffentlich aus ihren Ämtern heraus zum Telefonhörer greifen und einen vertrauten Menschen aus dem Netzwerk direkt anrufen. Die Effekte sind nicht messbar, aber es entstehen Räume für Gespräche.

Und regional? Auch für Hamburg organisiert die Stiftung Projekte?

In Hamburg kümmern wir uns in klassischer Weise um Bildung, Wissenschaft und Kultur. So gibt es hier seit 2017 ein Schülerforschungszentrum. Dort bekommen Schüler, die an ihren Schulen in den MINT-Fächern unterfordert sind, die Möglichkeit, unter Anleitung von Wissenschaftlern und Pädagogen eigene Forschungsprojekte anzugehen. Dieses Projekt wird Hamburg nach vorne bringen, denn bisher gibt es nur zwei vergleichbare Einrichtungen in Deutschland. Es ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Wissenschafts- und der Bildungsbehörde, der Körber-, der Nordmetall- und der Joachim-Hertz-Stiftung, also ein teures und großes Projekt. Und ein schönes Beispiel dafür, dass man mit Beharrlichkeit – fünf Jahre hat es gedauert – selbst dann Behörden einbinden kann, wenn sie sich am Anfang für nicht zuständig halten.

Kultur ist für die Stiftung aber auch ein wichtiges Thema?

Ja, wir richten zum Beispiel seit über zehn Jahren das Festival „Körber Studio Junge Regie“ aus. Da kommen die zehn deutschsprachigen Hochschulen zusammen, die Theaterregie lehren. Sie stellen die besten Abschlussarbeiten vor, eine Aufführung wird prämiert. Damit fördern wir den Nachwuchs und geben ihm die Chance zu einem tollen Auftritt. Uns geht es auch darum, dass die Barrieren zwischen den normalen Bürgern und der Hochkultur durchbrochen werden. Wir wollen Brücken bauen und unterschiedliche Kulturstile und Menschen zusammenzubringen.

Wie wichtig sind Stiftungen überhaupt?

In Deutschland gibt es über 20.000 Stiftungen. Damit liegen wir in Europa an der Spitze, mehr gibt es wohl nur in den USA. Sie sind wichtig, weil sie vom Staat ermächtigt werden, Fragen, die die Bürger betreffen und beschäftigen, zu stellen und gesellschaftliche Defizite zu thematisieren. Wir verstehen es auch als eine unternehmerische Aufgabe, in einem bestimmten Bereich tätig zu sein, ohne auf staatliche Mittel zurückzugreifen. Wir legen aber großen Wert darauf, dass wir nicht irgendetwas finanzieren, was zur staatlichen Kernaufgabe gehört.

Welche Zukunftsvision haben Sie?

In Hamburg, aber sicherlich auch generell geht es darum, ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit zu schaffen. Dafür muss man einerseits die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft so setzen, dass wir konkurrenzfähig bleiben. Andererseits sind Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten an exzellente Angebote in der Bildung und in der Wissenschaft gebunden. Lösen müssen wir außerdem sehr praktische Probleme, etwa, wie man bezahlbaren Wohnraum schafft oder wie das Sozialsystem der Zukunft aussehen soll. Eine Stiftung kann zur gesellschaftlichen Debatte über diese Fragen beitragen und – begrenzt – auch Modelle zur Verbesserung vorschlagen und ausprobieren.

Sie kennen die Stadt gut, wohin lockt es Sie als Privatperson?

Man sollte ja seine Geheimtipps eigentlich nicht verraten. Nun gut, ich bin gerne bei Bodo‘s Bootssteg, der ist sehr bodenständig und für mich der schönste Platz an der Alster. Ich mag den Innocentiapark, eine Oase mitten im städtischen Trubel. Ein dritter Lieblingsort ist der Römische Garten am Elbhang, der eine wunderbare Verbindung schafft zwischen der nordisch-hanseatisch geprägten Stadt an der Elbe und dem Sehnsuchtsort Italien.

Haben Sie ein Lebensmotto, Lieblingszitat, Lieblingsschnack?

Meine Leitschnur ist carpe diem in dem Sinne, nicht zu viel in den Tag hineinzupacken, sondern bewusst Prioritäten zu setzen für das, was wirklich wichtig ist.

 

Stiftungen in die Offensive? Positionen von Dr. Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung, auf dem Fachtag der Hamburger Stiftungen am 12. Oktober 2017

 

Link zum Digital Summit 2018: Was Lehrkräfte und Digitalbranche voneinander lernen können

 

 

Autorin: Herdis Pabst
Foto:  Lothar Dittmer © Körber-Stiftung / Claudia Höhne

2. Mai 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg denkt, Mein Hamburg, Wissensdurst

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