Mein Hamburg: Joachim Lux

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen Thalia Theater-Intendant Joachim Lux.

Joachim Lux, 1957 in Münster geboren, arbeitete als Dramaturg, Chefdramaturg und Regisseur an verschiedenen Bühnen, von 1999 bis 2009 am Wiener Burgtheater, zunächst als Dramaturg, später als Chefdramaturg. Seit 2009 leitet er das Thalia Theater. Er ist dem zeitgenössischen Regietheater verpflichtet und bringt immer wieder Stücke von Gegenwartsautoren auf die Bühne. Viele junge Regisseure haben sich unter ihm einen Namen gemacht.

Seit 2009 sind Sie in Hamburg und leiten das Thalia Theater. Was macht für Sie diese Stadt aus?

Der Wind, das flache, etwas melancholische Licht, das Wasser, das Grün der Gartenstadt – das gibt‘s nirgends sonst in einer Metropole. Die Dynamik der Stadtentwicklung in der Hafencity. Die weißen Villen. Ein offenes Bürgertum. Ich liebe das. Und das Theater kann drohende Selbstzufriedenheit schön stören.

Welche Rolle nimmt das Thalia Theater in der Stadt ein?

Die Hamburger lieben ihr Thalia. Und die Schauspieler lieben auf ihre Art zurück: Abwechslungsreich, offen, streitbar, und hoffentlich mit guter Kunst. Mal spröde, mal sinnlich, mal politisch, mal poetisch. Jahr für Jahr mehr Zuschauer als sonst in Schauspielhäusern. Aber: nur nicht bequem werden, wir müssen unruhig bleiben.

Sie stammen aus einem Juristen-Haushalt. Wie sind Sie zum Theater gekommen?

Ich war im katholischen Münster weihrauchbenebelt Messdiener im Dom und irgendwer sagte, im Theater sei es so ähnlich wie im Hochamt. So wurde ich Statist in der Oper „Italienerin in Algier“ und habe dort als Sklave das Mühlrad gedreht. Dann nahm das Schicksal seinen Lauf und ich drehe noch heute verschiedene Mühlräder. Mit viel Freude allerdings.

Welche Leidenschaft braucht es, dem Theater die Stange zu halten?

Man muss neugierig bleiben, man muss quer denken, man muss Künstler lieben – ja, das vor allem. Und die Literatur, die allein durch ihre Existenz Protest gegen Verblödung ist. Verblödung ist ein großes Thema, ein sehr großes sogar. Es gibt viel zu viel Müll und Schrott.

Was hat Sie bewogen, nach Hamburg zu kommen und weiter hier zu bleiben? Ihr Vertrag wurde ja gerade verlängert.

Nach Hamburg kam ich vom Wiener Burgtheater. Dort war alles anders: Eine katholische, monarchisch geprägte Residenzstadt, hier: eine protestantische republikanische Bürgerstadt – mehr Unterschied geht gar nicht. Warum bleiben? Wegen der Idee von Ensemblearbeit. Aber auch, weil Hamburg der ideale Brückenkopf für ein Europa der Kultur sein könnte. An diesen Herausforderungen auf möglichst interessante Weise zu scheitern, wäre schon was.

Sie haben viele auf die Bühne gebracht, die sich inzwischen einen Namen erworben. Wie bekommt man den richtigen Riecher für Talente und lohnenswerte Stücke?

Tja. Immer schön bescheiden sein, man irrt sich auch. Trotzdem immer mutig bleiben. Enthusiasmus und knochentrockener Pragmatismus müssen zusammen finden. Dann: die Dinge immer von mehreren Seiten befragen, das ist manchmal nervtötend, aber unverzichtbar.

Wie ist Hamburg mit seinen Theaterkünstlern aufgestellt, finden Sie interessante Künstler, interessanten Nachwuchs hier in der Stadt?

Das ist eine offene Baustelle. Wir sind viel zu wenig in der Stadt unterwegs, um Talente aufzustöbern. Das liegt aber nicht nur an uns, sondern auch an der sparsamen Förderung der Initiativen von unten – Hamburg ist mit Berlin oft auf Augenhöhe, in diesem Punkt leider nicht.

Sie beziehen mit Ihrer Theaterarbeit immer wieder politisch und gesellschaftlich Position und mischen sich auch sonst ein. Dafür stehen auch die Lessingtage, die am 19. Januar beginnen. Was steht hinter der Idee des Festivals?

Lessing hat im 18. Jahrhundert für die Toleranz der Kulturen und Religionen geworben. Toleranz ist ganz schön schwer, das weiß jeder aus eigener Erfahrung. Bei den  Lessingtagen 2018 geht es um Demokratie und Europa. Eine herausragende Aufführung aus Frankreich mit dem Titel „1993“ erzählt zum Beispiel von der Jugend Europas, ihren Hoffnungen, ihrer Not. Ganz Europa reißt sich um den Regisseur dieser Aufführung, bei uns findet er statt!

Theater im Zeitalter von Internet, sozialen Medien und YouTube-Stars – wie kann es sich da behaupten?

Das ist überhaupt kein Problem. Seit dem Boom dieser Medien steigt die Sehnsucht nach dem Analogen: mehr ZEIT-Abonnenten, Postkarten sind in Mode, Füllfederhalter auch. Und selbst wenn das alles Vintage-Kram sein sollte: die Lust am Spiel von Menschen für Menschen ist so alt wie die Menschheit selbst.

Welche Zukunftsvision gibt es fürs Theater, aber auch für Hamburg?

Ich schätze Helmut Schmidt,  aber der Satz: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ war eine kleine Trottelei. Hamburg darf mehr träumen, es darf auch unordentlicher werden, das Leben ist ja alles andere als ordentlich. Man kann Leben nicht nur merkantil organisieren. Kampf den Excel-Tabellen. Das Bürgertum lebt davon, Ordnung zu schaffen und gleichzeitig ausbrechen zu wollen. Ja, da kann das Theater vielleicht ein wenig helfen, oder auch die Musik.

Sie sind jetzt schon etliche Zeit in Hamburg. Hat sich die Atmosphäre in der Stadt verändert?

Hamburg ist dynamischer geworden. Als ich kam, haben wir alle für den Erhalt des Gängeviertels gekämpft. Heute entsteht eine Waterfrontcity von europäischem Format und gigantischen Dimensionen – beides gehört zu Hamburg. Und natürlich die Elbphilharmonie: welch ein Triumph für diese Stadt! Andererseits ist Hamburg auch zerrissener: das Scheitern von Olympia war aus meiner Sicht kleingeistig und der Verlauf des G20 hängt allen in den Knochen – auf Jahre. Vertane Chancen. Aber immerhin: die Stadt sucht ihre Rolle im Konzert der großen Städte.

Wenn Sie tatsächlich mal Zeit für Privates haben, was machen Sie dann?

Puuh, es bleibt leider wahnsinnig wenig Zeit, meist trotte ich von zu Hause ins Theater und vom Theater nach Hause. Sehr wenig Work-Life-Balance. Und wenn mal Zeit ist, bin ich viel in Europa unterwegs. Ansonsten: Gern Schwimmen, ab und zu Tennis spielen, Radfahren, gern am Wasser. Ja, es zieht mich ans Wasser. Es ist der Ursprung. Anfang und auch Ende.

Haben Sie ein Lebensmotto, Lieblingszitat, Lieblingsschnack?

Nein, das habe ich mir abgewöhnt. Mir gefällt „Man kann auch in die Höhe fallen.“ Das ist von Hölderlin und ein Thalia-Überlebensmotto.

 

 

Autorin: Herdis Pabst
Foto: Joachim Lux bei Thalia Lessingtage 2017 © Fabian Hammerl

 

3. Januar 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg inszeniert, Kulturgenuss, Mein Hamburg

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