Mein Hamburg: Thomas Collien

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen Thomas Collien, Betreiber des St. Pauli Theaters und Unterhaltungsexperte.

Thomas Collien stammt aus einer Familie mit großer Tradition im Theater- und Unterhaltungsbereich. Mit einer Konzertdirektion hat sein Großvater 1932 begonnen, in den Fünfzigerjahren kam das Theater am Besenbinderhof zum Familienbetrieb hinzu, später übernahm er das Operettenhaus, 1970  dann das St. Pauli Theater. Thomas Collien arbeitet seit 1987 im Unternehmen. Später gründete er zusätzlich seine eigene Agentur, die Collien Konzert und Theater GmbH. 2001 übernahm er nach seinem Vater Michael Collien die alleinige Leitung des  St. Pauli Theaters und führt es seit 2003 zusammen mit Ulrich Waller. Seit zehn Jahren bespielen die beiden auch das Hansa-Theater in St. Georg.

Ihr Theater liegt mitten in St. Pauli. Wie ist Ihr Blick von dort auf Hamburg?

St. Pauli ist ein natürlich gewachsener Stadtteil. Bis in die 70er, 80er Jahre des letzten Jahrhunderts lebten hier die Arbeiter aus dem Hafen Tür an Tür mit Amüsierlokalen, Theatern, Spelunken und den speziellen Etablissements. Das gab und gibt es weltweit so nirgendwo. Durch den Hafen hatte St. Pauli schon historisch immer einen großen Zulauf und bis heute fällt am Wochenende die Welt auf St. Pauli ein. Der Stadtteil ist ja bekannter als die Stadt selbst, leider oft nur als Rotlichtbezirk, aber das Image hat sich in den letzten Jahren gebessert. Der Rest der Stadt sieht von hier aus betrachtet etwas biederer und artiger aus, vielleicht sogar etwas spießig. St. Pauli ist schon eine frechere Gegend. Wir sind das Enfant terrible von Hamburg.

Wie wirkt sich denn das Image von St. Pauli auf das Theater aus?

Das Image des Stadtteils wurde über Jahrhunderte geprägt, die Tradition der Amüsierbetriebe reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. In neuerer Zeit haben  auch der berühmte Film ˮGroße Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers oder in den 60er Jahren die Auftritte der Beatles und anderer Rockbands das Image beeinflusst. Die heutige Theatermeile am Spielbudenplatz vom Operettenhaus bis zur Davidwache dagegen ist relativ jung. Das St. Pauli Theater steht hier seit 1841 und war Vorreiter. Die neueren Theater, sei es das Operettenhaus mit seinen Musicals, die Häuser von Herrn Littmann oder das Imperial-Theater, aber auch Events wie das Reeperbahn-Festival  haben noch einmal ein anderes Publikum angesprochen und dem Stadtteil seinen Stempel aufgedrückt. Auch die Restaurant- und Barszene hat sich dadurch verändert. In letzter Zeit ist leider mit den Kiosken, dem Sauftourismus und den Junggesellenabschieden eine Subkultur des billigen Amüsements entstanden, die uns das Leben schwer macht. Aber hier auf dem Kiez sind wir einiges gewöhnt und kommen mit der Vielschichtigkeit, die es hier gibt, gut zurecht.

Welche Anforderungen stellt das an Ihr Programm?

Unser Programm ist nicht so homogen wie in anderen Häusern. Während dort oft eine Zielgruppe von Menschen mit einem bestimmten Kulturinteresse anzutreffen ist, ist das Publikum hier auf dem Kiez viel unterschiedlicher. Die Umgebung, die Nachbarschaft zur Davidwache und der etwas raue Wind der Reeperbahn geben eine bestimmte programmatische Ausrichtung vor. Die Stücke hier müssen robust sein, populär, ohne auf Populismus zu schielen.  Auch so ein Stück wie ˮDie Dreigroschenoper“ mit Ulrich Tukur passt zum Kiezumfeld. Zu sehr Hochkultur und zu intellektuell darf es hier nicht sein, aber wir loten immer wieder aus, wie clever Unterhaltung auf St. Pauli sein kann. Wir bieten Zuschauern an, hier etwas auszuprobieren und offerieren Theater ohne Schwellenangst.

Den Familienbetrieb haben Sie 2003 übernommen. Hatten Sie keine andere Wahl oder galt dem Theater schon immer Ihre Leidenschaft?

Es war Zufall. Ich habe schon immer im Familienbetrieb gejobbt, im Kongresszentrum oder der Musikhalle bei Veranstaltungen der Konzertdirektion meines Großvaters oder im St. Pauli Theater. Als hier dann einmal ein hoher Krankheitsstand herrschte, habe ich ausgeholfen, um meinem Vater unter die Arme zu greifen. So bin ich vor dreißig Jahren hier reingerutscht. Eigentlich wollte ich Schauspieler werden, doch das habe ich nie ausprobiert. Aber ich habe mich zwischendurch umorientiert, fing an, Industriekaufmann zu lernen, habe schließlich Kulturmanagement studiert, witzigerweise bei meinem Nachbarn vom Schmidts Tivoli, bei Norbert Aust, der Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Politik war. Dass ich im Familienbetrieb geblieben bin, habe ich nie bereut. Und es bringt mir immer noch viel Spaß.

Haben Sie nicht auch eine eigene Konzertagentur, die Collien Konzert und Theater GmbH, was ja nicht so bekannt ist?

Im Theater muss man als Person präsent sein, bei einer Agentur muss man nicht als Impresario auftreten. Wir waren uns im Familienbetrieb nicht in allem einig, somit habe ich zusätzlich meine eigene Agentur gegründet. Ich habe Spaß daran, große Shows zu kreieren, die reine Unterhaltung sind. Diese Trennung in U- und E-Unterhaltung gibt es ja so strikt nur in Deutschland, in den USA beispielsweise überhaupt nicht. Die Kombination zwischen Agentur und Theater haben schon mein Großvater und mein Vater betrieben. Es hat aber auch einen finanziellen Hintergrund. Erst seit ein paar Jahren sind wir mit dem St. Pauli Theater neu in den Kreis der subventionierten Privattheater aufgenommen worden. Ein Privattheater zu erhalten, das werden meine Kollegen von anderen Häusern bestätigen, ist kein Zuckerschlecken und wir können finanziell damit keine großen Sprünge machen – es ist ein bisschen eine Liebhaberei.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit Ulrich Waller entstanden?

Als es in den Kammerspielen hausinterne Probleme gab, habe ich Ulrich Waller gefragt, ob er nicht zu uns kommen möchte. Ich hatte eine Produktion eingeladen, die mir dort besonders gut gefallen hat. ˮDie Jungs mit dem Tüdelband passte gut hierher. Die Gebrüder Wolf haben ja damals auf dem Kiez gespielt. Daraus ist diese Partnerschaft entstanden. Ulrich Waller und ich sind sehr unterschiedlich, aber gerade diese Kombination schafft Vertrauen, auch bei jenen, die Projekte finanziell begleiten. Wir arbeiten jetzt schon im siebzehnten Jahr zusammen.

Sie beide haben das Hansa Theater 2009 wiedereröffnet. Noch so eine Hamburger Tradition.

Das Hansa-Theater sehen wir inzwischen als unsere kleine Schwester. Wir wollen dort Musiktheaterproduktionen zeigen, die in dieses Varieté-Umfeld passen. Im Februar werden wir mit ˮCabaret mit Tim Fischer  als Conférencier beginnen, planen ˮIm weißen Rößl“ und sind mit Franz Wittenbrink im Gespräch über einen St. Georg-Abend. Auch hier, auf dem anderen Hamburger Kiez, werden wir robuste Stücke mit großem Unterhaltungswert auf die Bühne bringen. Das traditionelle Varieté mit Artisten aus aller Welt, mit dem wir 2009 begonnen haben, das Hansa-Theater zu bespielen, werden wir genauso beibehalten. Da muss keiner Angst haben, dass „sein Hansa-Theater“ sich verändert. Es ging ja ein Aufschrei durch die Stadt, als die Schließung befürchtet wurde. Aber wir machen auch mit den neuen Besitzern weiter.

Was bedeutet Tradition für Sie?

Ich bin mit dem Theater aufgewachsen, habe mein erstes Weihnachtsmärchen im Operettenhaus gesehen. In den Fünfzigerjahren hatte mein Großvater das Theater im Besenbinderhof, seit 1960 das Operettenhaus und 1970 kam das St. Pauli Theater ins Familienunternehmen. Man muss seinen eigenen Weg finden und kann nicht alles einfach weiterführen, wie die Generation davor. Mein Vater hat mir viel Spielraum gegeben. Wir haben hier am St. Pauli Theater sehr früh Programme ausprobiert, die eigentlich nicht zur Tradition des Hauses gehörten, wie z.B. englischsprachige Stücke und Musikproduktionen. Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass das St. Pauli Theater, das mir ja gehört und unter Denkmalschutz steht, gut in Schuss bleibt. Mit seinen 178 Jahren bedarf so ein Haus ständiger Obhut.

Und das Hansa-Theater?

Auch das muss gehegt und gepflegt werden. Dort sind wir aber nur Mieter. Allerdings haben wir mitgewirkt, dass es mit seinen 125 Jahren als ältestes Varieté-Theater Deutschlands unter Denkmalschutz steht. Ich möchte beide Theater für die nächsten Generationen erhalten.

 

Wie sieht Ihre Zukunftsvision aus?

Ich wünsche mir noch mehr Zuschauer, die das Live-Erlebnis Theater genießen wollen, und natürlich ganz egoistisch speziell in unseren Häusern. Bei der heutigen Mediennutzung mit den Streamingdiensten ist es ja nicht einfach, die Menschen vom Sofa zu locken. Beim Varieté gibt es aber schon eine Renaissance, wohl weil die Zuschauer den Nervenkitzel, den die Artisten live erzeugen, nur hier, und nicht im Film oder Fernsehen, erleben können. Langfristig müssen wir uns aber auch darum bemühen, jüngere Zielgruppen zu erreichen, ohne Stammpublikum zu verprellen. Im Hansa Theater probieren wir gerade eine Konzertreihe aus, die jüngeres Publikum in diese Schmuckschatulle locken soll. Wir suchen aber auch nach entsprechenden Varieté-Konzepten. Und wir suchen nach jungen Autoren wie den Franzosen Florian Zeller, der eine wunderbar zeitgemäße komödiantische Schreibe hat.

Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Stadt?

Wir sind in der Privattheaterlandschaft in Hamburg sehr vielschichtig aufgestellt, verglichen mit anderen Städten. Bei einer guten Auslastung helfen natürlich auch Touristen, aber entscheidend ist, dass die Hamburger so kulturinteressiert sind und bleiben. Somit hoffe ich, dass Hamburg und speziell St. Pauli künftig nicht nur noch für Touristen attraktiv ist. Das St. Pauli Theater und das Hansa- Theater sollen in erster Linie Theater mit Lokalkolorit bleiben. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn Touristen bei uns Karten kaufen. Aber ich möchte, dass sich die Hamburger weiterhin mit diesen Häusern identifizieren können.

Wohin lockt es Sie in Hamburg als Privatperson?

Ich wohne im Hamburger Westen und bin ein Elbemensch. Ich laufe gerne morgens, wenn nur wenige Leute unterwegs sind. Deshalb ist die Strecke zwischen Teufelsbrück und Wedel mein Bereich.

Haben Sie ein Lebensmotto, Lieblingszitat, Lieblingsschnack?

Man sollte einen Job nur so lange ausüben, wie man Freude daran hat. Wir aus dem Kulturbetrieb neigen ja dazu, in diesem Umfeld auch unsere Freizeit zu verbringen.  Mir ist es aber sehr wichtig, dass ich auch Kontakt zu Menschen außerhalb des Theaterumfeldes habe. Dadurch behalte ich meine Bodenhaftung. Meine Lebensweisheit: Schau in die Zukunft, denn dort wirst Du den Rest Deines Lebens verbringen!
(George Burns, amerikanischer Vaudeville Entertainer, Schauspieler, Komiker und Autor)

 

 

Autorin: Herdis Pabst
Titelfoto: Thomas Collien © Frank Siemers
Foto: ˮLass mich in Ruhe“ mit Gabriel Coburger, Eva Mattes, Jakob Neubauer, v.r.  © Kerstin Schomburg
Foto: ˮHinter der Fassade“ mit  H. Knaup, C. König, J. Ohl, S. Schad  © Oliver Fantitsch

8. Mai 2019 von Redaktion

Kategorien: Hamburg inszeniert, Kulturgenuss, Mein Hamburg

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