Mein Hamburg: Maike Röttger

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Maike Röttger, Geschäftsführerin von Plan International Deutschland

Im Dezember 2008 begleitete Maike Röttger, damals Politikredakteurin beim Hamburger Abendblatt, Plan-Deutschland-Chefin Marianne Raven nach Uganda, um anlässlich des 20. Geburtstags des Kinderhilfswerks zu berichten. Zwei Jahre später wechselte Röttger als Kommunikationschefin zu der Organisation und wurde bald darauf Geschäftsführerin von Plan International Deutschland.

Sie leben schon lange in Hamburg, was macht die Stadt für Sie aus?

Diese Stadt erfüllt mich, diese Weltoffenheit, die Toleranz, all das, was man so gerne das hanseatische Understatement nennt, gibt mir und meiner Familie ein Gefühl von Zuhause sein. Ich wohne die längste Zeit meines Lebens in Hamburg, und immer, wenn die Frage aufkam, mal woanders hinzuziehen, fanden wir, dass es nirgendwo schöner sein kann. Die Nähe zum Wasser ist mir wichtig. Ich schaue auf die Elbe und habe diesen weiten Blick.

Wie hat sich Hamburg in den Jahren verändert?

Helmut Schmidt hat ja den Satz von der „schlafenden Schönen“ geprägt. Ich glaube, das beschreibt Hamburg noch immer, trotz Elbphilharmonie und all der anderen Dinge, die den Weltruf der Stadt ausmachen. Bei der Entscheidung um die Olympia-Bewerbung hat man ja doch wieder gesehen, dass die Hamburger ihre Stadt gerne so haben, wie sie ist, trotz all der Gastfreundschaft, die die Hamburger auch haben. Die Stadt ist natürlich moderner geworden. Gerade in der Hafencity haben sich tolle neue Projekte entwickelt, die bereichernd sind.

Sie haben lange Zeit als Journalistin gearbeitet, haben dann komplett umgesattelt und die Geschäftsführung von Plan International Deutschland übernommen.

Das war schon auch ein Wagnis. Ich war Journalistin mit Herz und Seele. Aber nach zwanzig Jahren habe ich mir die Frage gestellt, ob ich das noch zwanzig Jahre weiter machen möchte. Es war ein langer Prozess und bedeutete die Verabschiedung von meinem Traumberuf. Aber es war an der Zeit, etwas Neues zu machen.

Was hat Sie an dieser Aufgabe angesprochen, für die man sicherlich viel Leidenschaft braucht?

Leidenschaft gehört unbedingt dazu. Ich habe viel über sozial benachteiligte Kinder in Hamburg geschrieben. Mir war immer wichtig, den Dingen auf den Grund zu gehen, herauszufinden, warum es bestimmte Benachteiligungen gibt und wie man sie verändern kann. Das nun an der Spitze einer Organisation zu tun, die in 70 Ländern arbeitet und tagtäglich dafür antritt, dass es Kindern in dieser Welt besser geht, ist eine unglaubliche Aufgabe. Sie ist zu meinem zweiten Traumberuf geworden, weil ich sehe, dass wir Veränderungen bewirken können.

Wie kann Plan International diese Veränderungen erreichen?

Für uns ist sehr wichtig, dass die Kinder ihre Rechte selbst weltweit wahrnehmen können, denn die UN-Kinderrechtskonvention gilt auf der ganzen Welt. Kinder müssen gesund aufwachsen, gut ernährt und gebildet sein. Sie haben das Recht, sich zu entfalten, und müssen gestärkt werden, damit sie auch selber für sich einstehen und ihr Leben in die Hand nehmen können. Unser Fokus bei unserer Unterstützung liegt auf den Mädchen, weil wir aus unserer Erfahrung sehen, dass die Mädchen weit mehr benachteiligt sind als die Jungen. Denn nur wenn Mädchen und Frauen genauso am Leben beteiligt werden wie die Jungen und Männern, können wir Veränderungen erreichen, nur dann können wir Armut nachhaltig bekämpfen.

Mit welchen Projekten gelingt das?

In den 50 Ländern, in denen wir Projekte umsetzen, tun wir das nach klar festgelegten Strategien, die entsprechend der Bedürfnisse der Menschen und in Zusammenarbeit mit den Gemeinden, in denen wir arbeiten, entwickelt wurden. Es geht um Projekte in den Bereichen Gesundheit und Hygiene, um Wasser und Umwelt, um Bildung und der Partizipation von Kindern, um Einkommenssicherung, Katastrophenvorsorge und Nothilfe. Wir bilden etwa Gesundheitshelfer aus oder wir entwickeln kindgerechte Unterrichtsmaterialien, unterstützen Lehrer und überzeugen Eltern, dass die Schule für ihre Kinder wichtig ist.

Sehen Sie denn Verbesserungen?

Ich sehe sie oft. So erlebe ich zum Beispiel fantastische junge Frauen, die sich zum ersten Mal zusammenschließen, über ihre Probleme reden und daraus dann entwickeln, wie sie selber Geld verdienen können, das sie wiederum für die Bildung ihrer Kinder oder für deren Gesundheit einsetzen können. Das verändert nicht nur Familien, sondern ganze Gemeinden und schließlich auch Staaten. Wir müssen überlegen, wie wir gemeinsam die Menschen so stärken, dass sie Mechanismen an der Hand haben, die ihnen das Überleben leichter macht.

Wie schaffen Sie es, guten Mutes zu bleiben?

Ich komme gerade aus Uganda und habe dort Tage mit den Gesundheitshelfern verbracht. Es geht mir sehr nahe, wenn ich unterernährte Kinder sehe, die in Gesundheitsstationen zusammen mit Tuberkulose-Patienten behandelt werden. In dem Moment wird mir immer wieder klar – und da werde ich auch sehr demütig – wie gut es uns geht. Die Freude und den Lebensmut der Kinder zu erleben und zu sehen, dass wir dort unterstützen können, ist aber sehr bereichernd.

Plan International Deutschland wurde 1989 in Hamburg gegründet. Wie verankert ist die Organisation in der Stadt?

Allein durch die rund 11.900 Patinnen und Paten in Hamburg sind wir hier sehr stark verankert. Unsere neuen Räume im Haus der Philanthropie in Barmbek wollen wir noch stärker für Veranstaltungen öffnen, um mit Hamburgern und Hamburgerinnen Themen im Bereich Entwicklungsarbeit zu diskutieren. Außerdem bin ich im Rat für nachhaltige Entwicklungspolitik des Hamburger Senats. Und seit der Flüchtlingswelle 2015 unterstützen wir die Sozialbehörde mit unseren Erfahrungen im Bereich des Kindesschutzes.

Haben Sie ein Lebensmotto, ein Lieblingszitat, einen Lieblingsschnack?

Auch wenn es sich kitschig anhört, mein Motto ist: Lebe den Tag, sich also jeden Tag bewusst zu machen, was wirklich wichtig im Leben ist, und was mir Kraft gibt. Und all die Kleinigkeiten, die einen lähmen, muss man zur Seite schieben.

 

Hier geht es zu dem Mädchen-Fonds

 

 

 

 

Autorin: Herdis Pabst

Titelfoto: Maike Röttger © Friedrun Reinhold
Foto: Maike Röttger im Gelesot Hospital in Bugna Äthiopien 2016 © Michael Tewelde

16. August 2017 von Redaktion

Kategorien: Hamburg hilft, Mein Hamburg, Tatkraft

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