Mein Hamburg: Jürgen Carstensen

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen den Fotografen und Musikveranstalter Jürgen Carstensen.

Mit seinem Foto- und Videostudio Living Art ist Jürgen Carstensen seit siebzehn Jahren im Oberhafen ansässig. Seit ein paar Jahren veranstaltet er zudem gut besuchte Konzerte in seiner Halle 424 und bringt Publikum an jenen Ort, der sich weiter zum Kreativquartier Hamburg entwickeln soll.

Sie wohnen schon lange in Hamburg? Welche Beziehung haben Sie zur Stadt?

Ich komme aus Tönning auf der Halbinsel Eiderstedt, aber ich bin mit meinen Eltern schon ganz früh in die Nähe von Hamburg gezogen und dann irgendwann direkt in die Stadt. Ich finde Hamburg toll. Wenn man mit dem Fotografenblick schaut, dann ist Hamburg schon eine schöne Stadt.

Sie veranstalten hier im Oberhafen in der Halle 424 Konzerte. Wie ist diese Idee entstanden?

Als politisch entschieden war, dass hier das Kreativquartier Hamburg entstehen wird, habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich die Fläche hier über den Betrieb meines Fotostudios hinaus nutzen kann, und habe ein Konzept entwickelt, das von der HafenCity GmbH unterstützt wird. Ich spiele selber Gitarre und hatte schon immer Interesse an Musik. Um hier Musikveranstaltungen  anzubieten, habe ich Kuratoren gesucht, die die klassische Musikszene und die Jazzszene kennen.

Was macht das Angebot in der Halle 424 so beliebt?

Der Hamburger Kammerkunstverein veranstaltet hier die Feierabendkonzerte, eine Reihe, die fast immer ausverkauft ist. Dann gibt es das Ensemble Reflektor als Orchester in Residenz. Das junge Sinfonieorchester wurde vor zweieinhalb Jahren gegründet. Es probt hier, gibt Arbeitskonzerte und geht von hier auf Tournee. Wir veranstalten Jazzkonzerte und mit Live-Art eine weitere Konzertreihe, bei der Musiker mit Klassikausbildung sich in anderen Musikstilen ausleben. Wir sind Veranstaltungsort für das Salonfestival, ein deutschlandweites Netzwerk, für das Jugendmusikfestival Tonali, sowie für Abschlusskonzerte der Hochschule für Musik und Theater und im kommenden Jahr vielleicht auch wieder für das Elbjazz Festival. Ich freue mich besonders auf Rhonda Ross, eine der Töchter von Diana Ross, die bei uns als Eigenveranstaltung im September auftreten wird.

Der Eintrittspreis liegt zwischen zehn und zwanzig Euro. Lässt sich damit so ein Veranstaltungsort finanzieren?

Nein, aber ich habe das Glück, dass mein Fotostudio gut läuft und die Halle als Veranstaltungsraum von Firmen gut nachgefragt wird. Gerade habe ich die Lüneburger Sparkassenstiftung, die in Lüneburg die KulturBäckerei betreibt, als Kooperationspartner gewonnen. Wir werden für Theater und Ausstellungen einen Teil der Nachbarhalle nutzen, die zu dieser hier geöffnet wird. Dann können wir die Räume gemeinsam, aber auch getrennt bespielen. Ohne die Hilfe, das Engagement und den Enthusiasmus von Freunden und Bekannten könnte ich das hier aber nicht aufrechterhalten.

Sie sind Fotograf und eigentlich ist das hier Ihr Fotoatelier und Filmstudio.

Ich habe die Firma vor dreißig Jahren mitgegründet. Ich arbeite mit Großformat-Kameras und fotografiere komplette Wohnaufbauten mit Bädern, Küchen, Wohnsituationen. Deshalb brauche ich auch so eine große Halle wie diese. Ich arbeite mit meinem Team überwiegend für die großen Bausparkassenzeitungen mit einer Auflage von zwei bis drei Millionen Exemplaren.

Sie sind vor siebzehn Jahren ins Oberhafenquartier gekommen. Wie haben Sie den Ort entdeckt?

Das Kreativquartier, das hier im Oberhafen heute entsteht, war vor siebzehn Jahren in der Harkortstraße geplant, wo nun die “Neue Mitte Altona“ gebaut wird. Als die Bahn, der das Gelände damals gehörte, ihre Pläne änderte, hatten mein damaliger Partner und ich schon eine Zusage für einen über zehn Jahre laufenden Mietvertrag für ein Foto- und Videostudio. Als Ausweichfläche bot die Bahn uns dann diesen Ort im Oberhafen an. Auch diese Gelände gehörte ihr bis 2005 und wird heute von der HafenCity GmbH verwaltet.

Dann ist die Idee des Kreativquartiers im Oberhafen gar nicht neu?

Als wir hierherkamen, wurde das Gelände schon kreativ genutzt. Es gab hier diverse Kulissenbaubetriebe, Fotografen und Künstler. Wo heute die Hanseatische Materialverwaltung ist, hatte vorher das Schauspielhaus Requisiten eingelagert. Mal stand ein Panzer auf dem Gelände, dann ein riesiges Hirschgeweih mit einem Durchmesser von zehn Metern. Nun erscheint es plötzlich als neu entdecktes Territorium.

Das Quartier ist im Umbruch. Was bedeutet das für die, die jetzt schon hier sind, was für Hamburg?

Ich glaube nicht, dass sich so ein Quartier irgendwohin platzieren lässt. Es muss sich etwas entwickeln können. Wenn man die Spannung an solch einem Ort erhalten will, darf er nicht einförmig werden. Es braucht Chaotentum, aber auch Struktur. Nur so kann das Gelände gut werden. Somit ist es auch ein heikles Thema, wer herkommen darf und wer nicht. Kreativwirtschaftlich heißt auch, dass sich die Projekte refinanzieren, andererseits braucht man wagemutige Start-ups, die sich finden müssen. Scheitern gehört dazu.

Was wünschen Sie sich für Hamburg?

Ich wünsche der Stadt ein bisschen mehr Normalität. Hamburg mutiert zur Zirkusstadt.  Es gibt aus meiner Sicht zu viele Veranstaltungen. Natürlich braucht eine Stadt so etwas, aber zwei Großveranstaltungen an einem Wochenende finde ich zu viel. Auch wir wollen hier nicht eine Zirkusnummer werden, wollen nicht, dass die Leute zum Gucken herkommen. Wir wollen eine gewisse Normalität leben und dass man sieht, dass wir hier arbeiten.

Haben Sie ein Lebensmotto, ein Lieblingszitat, einen Lieblingsschnack.

Ich entscheide viel über den Bauch. Ich definiere mir als gedankliche Grundlage, was ich nicht will. Wenn man Nein sagt, sagt man zum Gegenpol ja. So versuche ich, etwas entstehen zu lassen. Dafür muss man, egal wie alt man ist oder was man macht, neugierig bleiben, ausprobieren und zulassen.

 

 

Autorin: Herdis Pabst

Titelfoto: © Heide Benser
Foto: Halle 424 innen © Hamburger Kammerkunstverein
Foto: Musiker Halle 424 außen © Heide Benser

2. August 2017 von Redaktion

Kategorien: Hamburg künstlert, Kulturgenuss, Mein Hamburg

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