Mein Hamburg: Andrea Bentschneider

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen Ahnenforscherin Andrea Bentschneider

Die gelernte Hotelfachfrau und Fremdsprachenkorrespondentin hat sich schon früh für Ahnenforschung interessiert. Vor fünfzehn Jahren hat Andrea Bentschneider ihr Hobby zum Beruf gemacht. Mit ihrem Hamburger Unternehmen Beyond History forscht sie weltweit nach den Vorfahren ihrer Kunden und recherchiert für etliche Fernsehsendungen. Besonders spannend findet die Vorsitzende des Verbands deutschsprachiger Berufsgenealogen die historischen Zusammenhänge hinter den familiären Lebensgeschichten – eine Detektivarbeit mit Suchtpotenzial.

Bei Ihrer Arbeit tauchen Sie in Familiengeschichten ein, gerade auch in die von Hamburger Familien. Wie blicken Sie auf die Stadt?

Ich gehe aufmerksam durch Hamburg und stelle mir gerne bildlich vor, wie die Vorfahren jener Familien, die ich gerade erforsche, wohl an den Orten, an denen ich vorbei komme, gelebt haben. Etwa der Theaterdirektor Theodor Damm, der von 1848 bis 1863 das St. Pauli Theater geleitet hat, das damals Actien-Theater hieß. Ich bin auch schon mal mit einem Foto von einem Bild, dass bei einer Familie in den USA über dem Esstisch hängt und das Haus der Großmutter mit einem Hamburger Kirchturm im Hintergrund zeigt, am Nicolaifleet herumgelaufen. Schließlich konnte ich die Stelle identifizieren, an der die Familie einmal gelebt hatte. Das Gebäude ist allerdings in den Siebzigerjahren durch einen Neubau ersetzt worden. Die Familie kam nach Hamburg und hat es dennoch genossen, diesen Ort zu sehen.

 

Wie wurde Ihr Interesse an der Genealogie geweckt?

Mit neunzehn Jahren bekam ich ein Foto meiner Oma, das sie ebenfalls als Neunzehnjährige zeigt. Es war, als ob ich in einen Spiegel blickte, so ähnlich sahen wir uns. Also wollte ich mehr über sie herausfinden. Ich habe sie nie kennengelernt, denn sie ist im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs umgekommen. Damals steckte ich mitten in meiner Ausbildung zur Hotelfachfrau im Hotel Vier Jahreszeiten und hatte wenig Zeit. Dann ging ich für zehn Jahre nach New York. Dort kam der nächste Impuls, als mich dort  Anfang der 1990er Jahre eine E-Mail – die Technik war damals ja noch ganz neu – von einem Amerikaner erreichte, der Bentschneider hieß und wissen wollte, ob wir miteinander verwandt wären. Da habe ich angefangen zu forschen. Es gab zehn Einträge im deutschen Telefonbuch mit meinem Nachnamen, mit sieben war ich verwandt. Mit Auswanderung hatte ich mich nie beschäftigt. Wir haben dann tatsächlich festgestellt, dass wir verwandt sind. Vor fünfzehn Jahren habe ich mein Hobby dann mit meinem Unternehmen Beyond History zum Beruf gemacht.

Was macht diese Leidenschaft aus, Familiengeschichten zu ergründen?

Mich interessiert, wie Menschen unter welchen Umständen gelebt haben. Wenn der Kunde sagt, er möchte nur eine Urkunde haben, bleibt es dabei. Ansonsten erforsche ich die geschichtlichen Hintergründe und versuche, herauszufinden, welche Entscheidungen für den Verlauf eines Lebens eine Rolle spielten. Es ist eine Detektivarbeit. Wenn man ein Dokument gefunden hat, das eine Frage beantwortet, wirft es meistens viele neue Fragen auf, denen man ebenfalls nachgehen will. So sucht man weiter und weiter. Das hat schon auch einen gewissen Suchtcharakter. Denn man wird nie wirklich fertig.

 

Tauchen Sie da nicht ganz oft in sehr intimen Geschichten fremder Familien ein?

Wir sichern all unseren Kunden hundertprozentige Verschwiegenheit zu. Nur mit deren Genehmigung spreche ich über Forschungsarbeiten. Ich bin ja an etlichen Recherchen für Fernsehsendungen beteiligt. Dort gilt bis nach der Ausstrahlung immer eine Verschwiegenheitsklausel. Auch mit dem Enkel von Walter Ulbricht vereinbarte ich zunächst strenge Vertraulichkeit. Inzwischen darf ich aber darüber sprechen, dass ich diese Recherche durchführe, die eine weltweite Forschung in Russland, Frankreich, Spanien, England und den USA ergeben hat.

Oft geht es ja auch um Familiengeschichten Prominenter. Haben Sie Beispiele?

Die Vorfahren von Geoffrey Rush, der in „Fluch der Karibik“ den Captain Barbossa spielte, kamen aus Brokdorf und Wilster und sind über Hamburg nach Australien ausgewandert. Oder Brian Cranston, der die Hauptrolle in dem im Januar 2019 gestarteten Film „Mein Bester & Ich“ spielt, dem US-Remake von „Ziemlich beste Freunde“. Seine Vorfahren kommen aus Rensburg und Eckernförde, die Familie hat eine Weile in Hamburg gelebt und ist dann um 1900 in die USA ausgewandert. Oder die Jauchs, die kommen aus Hamburg-Wellingsbüttel.

Es beschäftigen sich ja viele Menschen mit Ahnenforschung. Woher kommt diese Faszination?

Als ich angefangen habe, wurde ich oft sehr belächelt. Ob man damit denn wirklich Geld verdienen könne, fragt schon lange keiner mehr. In Nazizeiten musste man einen Ariernachweis erbringen. Dadurch war Ahnenforschung lange Zeit negativ behaftet. Dann sind die Dokumente oft in alten Handschriften geschrieben, die junge Leute gar nicht mehr lesen können. Damit galt die Genealogie lange als unattraktiv und langweilig, als etwas, womit sich nur ältere Menschen beschäftigen. Mittlerweile hat sich der Blick darauf sehr verändert, vor allem durchs Internet. Wenn man seinen Namen dort eingibt, bekommt man ganz schnell viele Treffer in aller Welt. Auch die Medien beschäftigen sich immer wieder mit dem Thema, das inspiriert viele zu eigenen Forschungen.

Können Sie ein paar Tricks verraten?

Jeder kann Ahnenforschung betreiben. Um die alten Dokumente lesen zu können, habe ich mir die altdeutsche Schrift selber beigebracht. Das Hamburger Staatsarchiv ist für jedermann zugänglich.

 

Das gilt auch für die Kirchenbücher. Man muss sich allerdings damit beschäftigen, wo man welche Informationen und Quellen findet. Wenn ich etwa wissen möchte, wann genau jemand im Jahre 1878 gestorben ist, kann man nach der standesamtlichen Urkunde suchen. Für das Sterbejahr 1750 müsste ich dagegen in das dazugehörige Sterberegister des entsprechenden Kirchenbuchs schauen. Oft liegt das in der Kirchengemeinde, manchmal gibt es aber auch ein überregionales Archiv. Mitunter sind die Daten auch schon auf Mikrofilm archiviert oder in Ortsfamilienbüchern zusammengetragen. Das sind meistens Fleißarbeiten von Hobbyforschern oder Historikern. Die regionalen Ahnenforschungsvereine mit ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern bieten viel Unterstützung. In Hamburg gibt es seit 1918 die Genealogische Gesellschaft mit ihren beiden Bibliotheken in der Alsterchaussee und Bergedorf.

Ergeben sich aus der Erforschung der Familien auch allgemeine historische Zusammenhänge?

In den alten Dokumenten, der Grundlage meiner Arbeit, kann man viel zwischen den Zeilen über die Lebensumstände herauslesen. Ein Beispiel: Wer im 18. und 19. Jahrhundert heiraten wollte, musste ein gewisses Einkommen und das Hamburger Bürgerrecht haben. Die Arbeiter im Gängeviertel hatten weder das eine noch das andere und haben somit nie die Genehmigung erhalten, zu heiraten. In dieser Zeit wurden viele uneheliche Kinder geboren. So gibt es oft Gesetze, die für die jeweiligen Lebensumstände sehr folgenreich waren. Wir versuchen, solche Themen im Blog auf unserer Website aufzugreifen. Bei unseren Recherchen zu jüdischen Familien im Zusammenhang mit den Stolpersteinen fließen viele Ergebnisse ein bei der Website, auch bei der App und den Büchern zum Thema.

Wie sollte aus Ihrer Sicht Hamburg mit historischen Daten umgehen?

Dadurch, dass wir ein Stadtstaat sind, haben wir den Vorteil, dass Unterlagen in einem Archiv gebündelt sind. Im Staatsarchiv werden kirchliche und standesamtliche Dokumente gesammelt, Nachlässe, Senatsprotokolle und vieles mehr. Die Bestände zu erhalten, ist allerdings mit viel Aufwand und hohen Kosten verbunden. Etwa bei der Digitalisierung geht es ja nicht nur ums Einscannen, sondern auch um die Aufbereitung in Datenbanken, um die Daten zugänglich zu machen. Und dann gibt es immer mal wieder solche Diskussion wie um den Bestand der Totenzettel, die das Staatsarchiv im vergangenen Jahr leider ohne vorherige Digitalisierung vernichtet hat.  Auch wenn diese Dokumente unwiederbringlich verloren sind, so hat diese falsche Einschätzung, wie wichtig dieser Bestand war, doch auch etwas Gutes: Deutschlandweit werden nun die Prozesse in vielen Archiven überdacht und überarbeitet. In Zukunft werden sie wohl mit mehr Transparenz und unter Einbeziehung regionaler Historiker durchgeführt werden.

Wohin lockt es Sie in Hamburg als Privatperson?

Mich zieht es aus den Archiven hinaus in die Natur. Ich bin ein Alstermensch. Ich bin im Alstertal groß geworden und gehe gerne an der Alster und den Parks spazieren.

Haben Sie ein Lebensmotto, Lieblingszitat, Lieblingsschnack?

„People living their dreams“, ist mein Motto, das ich aus New York mitgebracht habe. Ich sehe mich als jemand, der hilft, Lebensträume zu erfüllen. Viele Auftraggeber kommen ja mit sehr persönlichen Anliegen zu mir und wollen zum Beispiel wissen, was der Vater oder der Großvater im Dritten Reich gemacht hat, oder sie sind adoptiert und wollen wissen, wo sie herkommen. Ich versuche da zu helfen. Bei dem Fall einer Australierin, unehelich geboren, sollte ich den österreichischen Vater ermitteln. Über einen Archivar, der unabhängig von uns für den Enkel recherchierte, entstand ein Kontakt. Manchmal kann man sogar Familienmitglieder zusammenbringen. Das sind schöne Fälle.

 

 

Autorin: Herdis Pabst
Titelfoto: Andrea Bentschneider mit Geoffrey Rush © Beyond History
Foto: Elfriede Mary Hannchen Bock, Andrea Bentschneiders Großmutter, Großensee 1930 © Beyond History
Foto: Beyond History © Andreas Wussow
Foto:
Andrea Bentschneider im Staatsarchiv © Beyond History

27. Februar 2019 von Redaktion

Kategorien: Hamburg forscht, Mein Hamburg, Wissensdurst

Schlagworte: , , , , , , , , , ,

Bisher kein Kommentar.

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Log in with your credentials

Forgot your details?