Spannende Plätze: Allee Theater Hamburg

Ein Gespräch mit der Gewandmeisterin im Allee Theater Hamburg.

Den Weg die Treppe hinunter kenne ich. Wäre ich eine Dame und käme aus Flottbek, würde ich sagen: der führt zur To. Den Weg die Treppe hinauf habe ich noch nie genommen. Katja geht voran. Sie hat gesagt: Bevor wir uns unterhalten, muss ich Ihnen zeigen, wo ich arbeite, sonst verstehen Sie das alles nicht. Es ist Dienstag. Bis zur Premiere bleiben noch vierzehn Tage. Wir sind jetzt im ersten Stock. Unter uns muss der Zuschauerraum sein. Eine Tür, dahinter ein Gang. Knappe zehn Meter lang, drei Meter hoch. Eng gehängte Garderobe. Jacken, Blusen, Hemden.

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„Einmal im Jahr, zur Nacht der Theater, verkaufen wir, was wir nicht mehr brauchen.“

Das, was ich an Garderobe sehe, ist nur ein kleiner Teil. Es gibt noch drei weitere Depots. Was diesen Gang aber faszinierend macht, was ihn wie den Teil eines Bühnenbilds aussehen lässt, sind die Hüte. Eine Wand voller Hüte und Mützen, eng an eng gehängt, bis unter die Decke. Das Gefühl, man sei in einer Zauberwelt.

Katja wird am Ende des Gesprächs sagen, dass sie sich keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen kann, als ein Theater, als dieses Theater. Hier beginne ich es zu verstehen. Am Ende des Ganges die Schneiderei. Ein heller Raum mit hohen Fenstern.

Eine Praktikantin zeichnet etwas auf einen weißen Seidenstoff, offenbar, um es nachher auszuschneiden. „Figurinen“, sagt Katja und zeigt auf einige DIN-A4-Blätter, die an der Wand hängen, „mit denen beginnt unsere Arbeit.“ Figurinen sind gezeichnete Kostümentwürfe. Orientalische Anmutung. Lange, weite Hemden, darüber Schals bis zum Boden für die Männer, Schmuckbesetztes für die Damen. „Eine Eins-zu-eins-Vorgabe?“ Nein, das sei diese Zeichnung noch nicht, aber sie käme dem endgültigen Entwurf schon sehr nahe. Figurinen zeichnet die Kostümbildnerin, in diesem Fall Barbara Hass.

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Sie sind das Ergebnis einer Konzeptdiskussion zwischen Regisseur, Bühnen- und Kostümbildnerin. Dabei wird die Frage beantwortet, wie historisch genau man mit dem Stoff umgehen will. Algier um 1810? Algier war, als Rossinis „Italienerin in Algier“ entstand, für die allermeisten Italiener ein Fantasieort. Also darf man auch heute mit der Ausstattung großzügig sein, kann sich etwas einfallen lassen. Der zweite Schritt sei die Kostümbesprechung. Da reden wir über solche Sachen, sagt Katja, und natürlich auch darüber, fährt sie fort, welche Aufgaben das einzelne Kostüm auf der Bühne erfüllen soll. In der „Geierwally“ musste man aus dem Ärmel ein mehrere Meter langes rotes Seidentuch ziehen können, ein Symbol für eine Blutspur. Da tue man dann den Schritt von der Kunst ins Handwerk.

Katja versteht sich als Handwerkerin. Sie hat den Beruf der Maßschneiderin erlernt, hat dann zwei Jahre als Gesellin gearbeitet und danach noch eine zweijährige Ausbildung auf der Anna-Siemsen-Schule am Hamburger Zeughausmarkt gemacht, der einzigen Schule in der Bundesrepublik, die zum Beruf der Gewandmeisterin oder des Gewandmeisters ausbildet. Man muss sich entscheiden: Damen oder Herren. Katja ist eigentlich Damengewandmeisterin. Aber das mit den Herren lernt man, sagt sie, wenn man im Beruf drin ist. Seit zwölf Jahren ist sie im Allee Theater. Wir rechnen kurz nach: Vier bis fünf Stücke im Jahr, denn die Ausstattungen für das Theater für Kinder liegen auch in ihrer Hand, das macht mehr als 50 Stücke. In jedem Stück mindestens zehn Kostüme. Eigentlich sogar mehr, denn bei Doppelbesetzungen, die in den Stücken der Kammeroper die Regel sind, müssen zwei Kostüme je Rolle gefertigt werden. Nun gut, sie sei nicht allein. Das Allee Theater beschäftigt zwei Gewandmeisterinnen und eine Schneiderin. Dazu kommt die eine oder andere Praktikantin.

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Aber sie hat schon mit jedem Kostüm zu tun, das die Schneiderei verlässt. Und es sind auch nicht nur die Kostüme. Dazu kommen die Accessoires, die Schals, Taschen, Handschuhe, Schuhe und Hüte. Ja, sagt Katja, Hüte müsse sie auch machen können, aus Filz geformt, mit Bändern versehen, an denen Schleifen angebracht sind, Federn oder Blumen. Früher sei allein das Verzieren der Hüte ein eigener Beruf gewesen: Putzmacherin.

Aber jetzt mal wegen der Systematik, und um auf die eigentliche Handwerkskunst zu sprechen zu kommen: Die realisiere sich bei den Schnitten. Da müsse man vom Zweidimensionalen ins Dreidimensionale denken. Und da sei nun alles zu berücksichtigen, der Stoff und seine Struktur, die Bewegungsmöglichkeiten, die der Sänger darin haben müsse, die Funktionen. Soll sich das Kleidungsstück zum Beispiel für einen schnellen Umzug eignen? Oder es muss einen Dolch verbergen. Später soll der schnell herausgezogen werden können.

Das Allerschwierigste aber sei die Beantwortung der Frage, wie das Kostüm, wenn der Sänger es auf der Bühne trägt wirke? Das sehe man eigentlich erst bei den letzten drei Proben. Kann man dann noch etwas ändern? Muss man können, sagt Katja und dass etwas mindestens so schlimm sei, wie eine Abänderung in letzter Minute: Wenn etwas stirbt, wenn ein Umhang, der einem viel Arbeit gemacht hat, weggelassen werden muss, weil er das Spiel behindert oder eine falsche Farbwirkung hat. Färben müsse man übrigens auch können. Pigmente anmischen und immer wieder mit einem neuen Stück Stoff probieren. Und die Farben müssten auch halten, denn jedes Kostüm würde, vielleicht nicht nach jedem Auftritt, aber doch alle paar Vorstellungen gewaschen oder gereinigt, Hemden und Blusen nach einmaligem Tragen. Das seien die Alltagsaufgaben einer Gewandmeisterin, das kleine Handwerk.

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Am liebsten einen Justaucorps

Und was macht ihr so richtig großen Spaß? Natürlich ein historisches Kostüm. Ein Reifrock für Rosina, die Gräfin aus dem Figaro. Hinten Stahlbänder, viel Gaze und ein Pokissen, also ein richtiger Unterbau, oben das Mieder mit Stäbchen, Schnüren und Pailletten. Der Schnitt des Rockes benötigt eine ganz andere Form als ein heutiger. Oder einen Justaucorps. Was bitte? Das ist, sagt sie, das knielange Jackett, welches die Herren um 1700 getragen haben, mit seinen Knöpfen, Riegeln und tief sitzenden Taschen, ein Prachtstück von Schnitt und Ausstattung. Da macht man etwas völlig Neues, fügt Katja hinzu, etwas, das man noch nie vorher gemacht hat.

Noch etwas: Tricks? Ist die Erfindung des Klettverschlusses eine Lösung für Vieles? Katja lacht: Nicht unbedingt. Der macht beim Öffnen Geräusche. Die wollen Sie nicht hören, besonders nicht in einer Oper. Druckknöpfe, Haken, Bänder, immer noch wie früher, aber natürlich möglichst unsichtbar.

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Im Allee Theater sitzt man nahe dran, was man auch, bezogen auf ihre Arbeit, im übertragenen Sinn sehen könne: Man ist an allem nah dran, und das mache den Spaß an der Arbeit aus.

Da, Mustafa, der Bey von Algier, hat schon eine Stimme. Wir hören sie während ich mich mit Katja unterhalte. Es ist Probe.

Lutz Hoffmann
(1. Vorsitzende des Vereins „Freunde ALLEE THEATER e.V.“)

 

Bildinfo/Header: Von links nach rechts: Nina Fahrbach, Esther O´Connor, Joanna Schröder

Studenten-Special: Große Stimmen für kleines Geld
Initiiert von HAMBURG schnackt! steht Studenten im Februar 2014 ein Sonderkontingent zur Verfügung. Eintrittspreis 10,- Euro – immer mittwochs. Die Italienerin in Algier

bis 2. März 2014 im Allee Theater/Hamburger Kammeroper
Max-Brauer-Allee 76, 22765 Hamburg
Theaterkasse: 040 – 38 29 59
www.hamburger-kammeroper.de
Fünf Minuten vom Bahnhof Altona, Bushaltestelle Gerichtstraße, Buslinien 15, 20, 25, 183 und 600 (Nachtbus), Parkplätze vor dem Haus vorhanden. 12. Februar 2014 von Redaktion

Kategorien: Hamburg inszeniert, Kulturgenuss

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