Mein Hamburg: Volker Tschirch

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen AGA Unternehmensverband-Hauptgeschäftsführer Volker Tschirch

Mit Engagement in der Politik fing die berufliche Laufbahn von Volker Tschirch an. Doch sein Aufgabenfeld fand er als diplomatischer Kämpfer für die Interessen der von ihm in den Arbeitgeberverbänden vertretenen Unternehmen. Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere: Hauptgeschäftsführer des AGA, des Unternehmensverbandes für Groß- und Außenhändler sowie für Dienstleistungsunternehmen.

Sie leben nach einigen Zwischenstationen seit 2002 in Hamburg. Wie gefällt Ihnen als Rheinländer das Leben hier?

Genetisch bin ich ein Nordlicht. Meine Familie kommt aus Schleswig-Holstein, ist dann aber durch berufliche Aufgaben in Bonn gelandet. Dort bin ich geboren und zur Schule gegangen, habe mein Studium dort absolviert und mich politisch engagiert. Wenn man norddeutsch erzogen ist, hilft das Rheinische bei der eigenen Sozialisation. Man erwirbt ein anderes Kommunikationsverhalten. Aber ich lebe mit meiner Familie heute ausgesprochen gerne hier, wo ich meinen Wurzeln nach herkomme, bin wohl doch eher Norddeutscher als Rheinländer.

Was macht für Sie die Stadt aus?

Was die gebürtigen und geborenen Hamburger und die Quiddjes, also die Wahlhamburger, verbindet, ist die Liebe zu der Stadt. Hamburg ist in seiner außergewöhnlichen Vielfalt eine Metropole, die wachsen möchte. Das tut sie wirtschaftlich und auch von der Bevölkerung her. Ein solches Angebot, was Arbeitsplätze, Kultur und Freizeitmöglichkeiten anbelangt, findet man kaum irgendwo anders. Hamburg darf sich nicht selbstzufrieden ausruhen, sondern sollte immer wieder seine Chancen nutzen. Hamburg muss sich nicht jeden Tag neu erfinden, es kann sich auf vorhandene Stärken besinnen und darf sich stetig weiterentwickeln.

Der AGA Unternehmensverband mit Sitz in Hamburg vertritt Groß- und Außenhandelsunternehmen und den Dienstleistungsbereich in ganz Norddeutschland. Wozu brauchen Unternehmen diesen Verband?

Der AGA Unternehmensverband ist die mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisation in Norddeutschland, mit insgesamt 3.500 Firmen und etwa 150.000 Beschäftigten im Bereich Groß- und Außenhandel sowie Dienstleistungsunternehmen. Das ist ein starkes Stück norddeutsche Wirtschaft. Wir vertreten die Interessen unserer Mitglieder bei Themen wie Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, in eine qualifizierte Bildung und den digitalen Ausbau, um die Chancen der Digitalisierung besser zu nutzen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Unternehmen?

Der AGA ist das digitale Kompetenzzentrum für mittelständische Unternehmen in Norddeutschland. Die digitale Transformation ist ein atemberaubender Prozess, der sich mit der industriellen Revolution vergleichen lässt. Da geht es vor allem um Know-how-Transfer in großen und kleinen Dingen, von der digitalisierten Personalarbeit bis zum fairen Wettbewerb mit global agierenden Onlineplattformen. All diese Elemente erfordern einen hohen Wissensstand und eine Investition in die Köpfe unserer Mitarbeiter. Und da wollen wir mit unseren Angeboten unseren Firmen zur Seite stehen.

Für welche Ziele setzt sich der AGA Unternehmensverband aktuell ein?

Verkehrsinfrastruktur, Digitalisierung, Bildung und sichere Arbeitsplätze sind unsere vier Kernthemen. Wir wünschen uns zum Beispiel kostenfreies WLAN überall in der Stadt. Unternehmer, Gewerbegebiete und private Haushalte müssen an starke Internetleitungen angebunden sein, auch die Schulen, sowohl Berufsschulen, als auch allgemeinbildende Schulen. Wir brauchen den digitalen Aufbruch.
Auch das Thema Verkehr ist für uns ganz wesentlich. Unsere Mitgliedsunternehmen sind auf allen Verkehrswegen unterwegs, in der Luft, zu Wasser, auf der Schiene und der Straße. Da muss überall investiert werden. In Norddeutschland erleben wir, dass Brücken gesperrt werden, dass beim Nord-Ostsee-Kanal Schleusen defekt sind. Dabei sind erhebliche Milliardenbeträge im Bundesverkehrswegeplan eingestellt, trotzdem verlaufen die Umsetzungen der Maßnahmen zu zögerlich. Wir werden inzwischen ein bisschen ungeduldig, denn es reicht nicht, was die Politik in Sonntagsreden verspricht. Also nicht nur schnacken, sondern anpacken.

Welche Rolle sollte mit Blick auf Hamburg der Hafen spielen?

Hamburg muss das Verhältnis zum Hafen klären. Ich bin ein großer Befürworter dafür, dass der Hafen, der Keimzelle unseres Wohlstandes ist, seine Bedeutung behält und sich weiter modernisieren kann und ausgebaut wird. Das gilt insbesondere für die Hafenzufahrt, also die Elbe, die eine entsprechende Fahrrinnenanpassung erfährt, damit der Hafen ein moderner Dienstleister für Hamburg, Norddeutschland und die Welt bleiben kann.

Bei vielen Projekten, etwa der Elbvertiefung, geht es ja um ökologische Bedenken.

Ökologische Bedenken nehmen auch wir ernst. Da muss es immer den Interessensausgleich geben zwischen Ökonomie und Ökologie. Unser Credo ist, dass wir uns in einem politischen Diskurs immer darüber verständigen müssen, nicht nur, wie wir leben wollen, sondern auch, wovon wir leben möchten. Wenn es uns wirtschaftlich gut geht, dann können wir viel besser in den Erhalt von Umwelt und Natur investieren. Ich sehe da keinen Gegensatz. Das sind die zwei Seiten einer Medaille.

Sie sagten einmal, Sie wären „Lobbyist mit Leidenschaft“. Der Begriff ist ja oft negativ besetzt. Wie geht das Wohl eines Unternehmens mit dem Wohl der Allgemeinheit zusammen?

Die stärkste Waffe, die man als Interessensvertreter hat, ist das starke Argument, eine sorgfältige Recherche und eine gute wissenschaftliche Grundlage sowie der direkte Dialog mit der Politik und den Entscheidern. Natürlich auch mit der gesamten Gesellschaft durch eine klare Positionierung in der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Wenn man damit überzeugen kann, sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft, finde ich das absolut legitim. Politiker müssen am Ende entscheiden, was sie davon mitnehmen. Nicht immer werden dabei die Interessen der Wirtschaft ausreichend berücksichtigt. Wir stehen für inhabergeführte Familienunternehmen, bei denen der Unternehmer mit seinem eigenem Kapital für sich, seine Familie und seine Beschäftigten einsteht. Für diese Unternehmer Öffentlichkeit herzustellen, ist eine Herausforderung, die jeden Tag Freude bereitet.

Ihr Verband lebt Zusammenarbeit im norddeutschen Raum vor. Eine Herausforderung für die Politik?

Wir haben es in den letzten fünfzehn Jahren geschafft, in den fünf Küstenländern einen einheitlichen Verband herzustellen. 2017 haben wir die Dachorganisation NORDHANDEL ins Leben gerufen. Elf Handelsverbände aus allen Handelsstufen, dem Einzelhandel, dem Groß- und Außenhandel und zahlreichen Branchenverbänden, bündeln unter einem Dach ihre Kräfte, um die politische Wahrnehmbarkeit und Durchsetzungskraft der handelsstufen- und branchenübergreifenden Interessen zu verbessern. Auch auf politischer Ebene sollte der Nordstaat das Ziel sein. Mit vielen kleinen Schritten müssen wir die Grenzen allmählich durchlässiger machen. Wenn sich die Metropolregion Hamburg und der gesamte Norden stärker als Einheit verständen, könnten sie ihre Wettbewerbschancen auch gegenüber anderen Regionen in Deutschland und Europa besser nutzen.

Was würden Sie sich für Hamburg wünschen, haben Sie eine Vision für die Stadt?

Für Hamburg wünsche ich mir, dass wir uns auf unsere vorhandenen Stärken verlassen und weitere innovative Felder aufbauen. Wir müssen erreichen, dass die hohe Qualität, die wir in der Stadt haben, mit soliden Arbeitsplätzen untermauert wird. Unsere Arbeitswelt wird gerade durch die Modernisierung anspruchsvoller, aber vieles wird uns die Technik erleichtern.

Wie schaffen Sie es, neben Ihrem Beruf auch noch ehrenamtlich tätig zu sein?

Meine beruflichen Ehrenämter sind thematisch stark mit meinen Themen im AGA verbunden. Privat bin ich im Aufsichtsrat meines Sportvereins tätig und engagiere mich in verschiedenen Sozialprojekten, etwa einer Stiftung, die blinde und sehbehinderte Kinder unterstützt. Es ist mir wichtig, dass man gesellschaftliche Verantwortung übernimmt, dass man versucht, mit eignen Erfahrungen und Sachverstand zu helfen.

Bleibt dann noch Zeit für Familie und Freizeit?

Meine Frau ist ganz zufrieden, meine Kinder sehen mich auch regelmäßig. Wir haben ein gemeinsames Hobby, die Leidenschaft für Basketball. Wir sind alle vier im Ligabetrieb und machen Punktespiele. Zum Basketball habe ich spät gefunden. Ich trainiere aktiv seit fünfzehn Jahren. In den letzten sechs Jahren spiele ich in der Senioren-Liga in einem Team von sechzehn Spielern aus elf Nationen. Das ist eine prägende Erfahrung.

Schauen Sie sich denn auch die Spiele der Hamburg Towers an?

Wir sind Dauerkarteninhaber seit der ersten Stunde. Da kann ich sogar Berufliches und Privates sinnvoll miteinander vernetzen. Die eigentliche Keimzelle der Hamburg Towers ist ja ein Sozialprojekt für Kinder. Wir unterstützen durch Charity-Veranstaltungen und helfen den Spielern der Hamburg Towers bei der Berufsorientierung.

Haben Sie ein Lebensmotto, ein Lieblingszitat oder Lieblingsschnack?

Dass man aus der Vergangenheit Mut zu Veränderungen schöpfen kann, spiegeln für mich folgende Zitate: „Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich Vieles ändern“ von Guiseppe Tomasi di Lampedusa, oder auf Kölsch „Et hätt noch emmer joot jejange“.

 

 

Autorin: Herdis Pabst
Titelfoto: Volker Tschirch © AGA Unternehmensverband
Foto: Volker Tschirch mit Graf Lambsdorff © AGA Unternehmensverband
Foto: Volker Tschirch mit Marvin Willoughby © AGA Unternehmensverband

10. Januar 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg arbeitet, Mein Hamburg, Unternehmenslust

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