Mein Hamburg: Amelie Deuflhard

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen Amelie Deuflhard, die seit 2007 die Kampnagel leitet, Deutschlands größte freie Spiel- und Produktionssstätte für darstellende Künste.

Amelie Deuflhard machte ihre ersten Theatererfahrungen als Jugendliche mit den revolutionären Inszenierungen von Claus Peymann in Stuttgart, wo sie aufwuchs. Sie studierte Romanistik, Geschichte und Kulturwissenschaften, arbeitete zunächst als freie Produktionsleiterin im Theaterbereich. 2000 übernahm sie die Intendanz der Sophiensäle in Berlin und entwickelte eine Festivalbespielung des Palasts der Republik. Seit 2007 leitet sie in Hamburg Kampnagel.

Sie kommen viel herum in der Welt. Was gefällt Ihnen an Hamburg?

Ich mag das viele Wasser hier und die klare Luft, vor allem aber, dass Hamburg als Kulturstadt auf einem guten Weg ist, auch wenn es noch Defizite gibt. Mit Schauspielhaus, Thalia Theater und Kampnagel ist Hamburg unangefochten eine der führenden Theaterstädte Deutschlands.

Was fasziniert Sie am Theater?

Ich war dreizehn Jahre alt, als ich angefangen habe ins Theater zu gehen. Was mich bis heute fasziniert, ist der Wechsel vom normalen Leben in eine andere Welt und der einzigartige Live-Charakter. Gut ist für mich Theater dann, wenn sich die andere Welt auf der Bühne auf unsere Lebenswelt bezieht.

Welcher Art von Theater wollen Sie dem Publikum bieten?

Kampnagel ist seit seiner Gründung ein Kind der Moderne und der Avantgarde. Das ist die Verpflichtung. Es geht immer um den Bruch mit den Konventionen in der Kunst und um die Suche nach der neuen Form in der Kunst. Wir forschen zwischen den Disziplinen Theater, Tanz, Performance, Musik und Musiktheater. Wir wollen die strengen Grenzen einreißen und munter dazwischen schwimmen. Und wir wollen Internationalität. Wir arbeiten mit Künstlern aller Nationalitäten.

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Fünf Bühnen müssen von Ihnen auf Kampnagel bestückt werden. Was treibt Sie an?

Kampnagel ist eine Stimme, die in der Stadt gehört wird. Um so mehr muss man, gerade wenn man so einen Kunstort leitet, Offenheit als eine Chance weitervermitteln. Die riesige Fluchtbewegung ist ein großes Thema. Auf Kampnagel versuchen wir, die Stimme der Geflüchteten hörbar zu machen und geflohene Künstler einzubinden wie den Kurator Anas Aboura aus Syrien, der alle zwei Monate zum Oriental Karaoke einlädt, wo sich Geflüchtet und Hamburger offen und neugierig begegnen. Der Klimawandel ist für uns Thema. Oder das Miteinander der Generationen. Aber auch die  Gentrifizierung in Hamburg verhandeln wir auf der Bühne.

Sie sind vierfache Mutter und haben sich in dem aufreibenden Theaterjob behauptet. Welche Tipps haben Sie?

Das Wichtigste wäre, dass sich die Gesellschaft öffnet, dass wir von den gradlinigen Berufskarrieren und Lebensläufen wegkommen, dass sich Arbeitszeiten ändern. Beruf und Kinder erfordern immer einen großen Spagat und brauchen viel Energie und Kraft. Als meine Kinder klein waren, hatte ich das Gefühl, ich müsse drei Leben bewältigen. Man darf sich auf keinen Fall ein schlechtes Gewissen machen.

Welche Pläne haben Sie für Kampnagel?

Kampnagel muss saniert werden. Das Foyer sieht gut aus, aber die technische Ausrüstung ist veraltet. Sie stammt zum Teil noch aus den 1980er Jahren. Unseren Gartenbereich würde ich gerne zu einem modellhaften Ort für Residenzen umgestalten, für gemeinschaftliches Wohnen von Künstlern und auch von Migranten. Ich wünsche mir einen temporären Ort als Labor für eine andere Art des Zusammenlebens und der Projektentwicklung.

Was erhoffen Sie sich von der Stadt, was wollen Sie noch in die Stadt hineintragen?

Auf Kampnagel wollen wir gemeinsam mit den lokalen und internationalen Künstler und Künstlerinnen, mit denen wir zusammen arbeiten, weiter wichtige Impulsgeber für eine gesellschaftliche Debatte sein – hier in der Stadt, aber natürlich auch darüber hinaus. 2017 wird in Hamburg die Elbphilharmonie eröffnet und im Frühjahr findet das Festival Theater der Welt statt – es wird ein großartiges Kulturjahr und ich wünsche mir, dass die Kultur und damit auch die Kulturförderung auch über 2017 hinaus einen so hohen Stellenwert in der Stadt haben. Vor allem durch eine bessere Förderung freischaffender Künstler und Künstlerinnen kann Hamburg zu einem noch attraktiveren Standort werden. Unsere verstorbene Kultursenatorin Barbara Kisseler wollte das angehen, nun übernimmt diese Aufgabe hoffentlich ihre Nachfolgerin oder ihr Nachfolger.

Haben Sie ein Lebensmotto, ein Lieblingszitat oder Lieblingsschnack?

Das wichtigste für mein Leben ist, dass ich mir meine Neugierde erhalte. Wer denkt, er habe ausgelernt, hat verloren.

 

Autorin: Herdis Pabst

Foto: Amelie Deuflhard © Marcelo Hernandez

 

28. Dezember 2016 von Redaktion

Kategorien: Hamburg inszeniert, Kulturgenuss, Mein Hamburg

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