Hamburg als Filmkulisse für neue ZDF-Serie

Bunt, schrill und sexy – die 70er Jahre war für Frauen eine Zeit des Aufbruchs. Die sechsteilige Serie „Zarah“ erzählt, wie eine Feministin in der Medienstadt Hamburg die Redaktion eines Magazins umkrempelt. Hamburg schnackt sprach mit den Filmemachern und der Hauptdarstellerin Claudia Eisinger, die damals noch gar nicht geboren war.

Auf der Suche nach Requisiten

„Eines der größeren Probleme war, zwanzig funktionierende Schreibmaschinen aus den 1970er Jahren aufzutreiben und nach Hamburg zu bekommen“, erzählt Regisseur Richard Huber. In dem in den 60er Jahren errichteten Erweiterungsgebäude der alten Commerzbank an der Trostbrücke hatte das Fernsehteam ein stilechtes Zeitungsbüro aus den 70er Jahren eingerichtet, mit einem Raum für den Fernschreiber, mit einer Dunkelkammer, mindestens einem Aschenbecher auf jedem Schreibtisch und alkoholischen Getränken in Greifweite – als Kulisse für die neue sechsteilige ZDF-Serie „Zarah“.

Verstaubte Rollenbilder bestimmen den Alltag

Im Männerbetrieb der Redaktionen von damals, und natürlich nicht nur dort, spielten Frauen nur untergeordnete Rollen, als Sekretärinnen etwa, denen die Männer auch gerne mal den Allerwertesten tätschelten. Doch Anfang der 70er Jahre sagten die Frauen dem alten Rollenverhalten massiv den Kampf an. Und das war bitter nötig. Einige Beispiele gefällig: Erst 1972 durften in Hamburg Frauen Busfahrerinnen werden. Erst 1976 durfte mit Dagmar Berghoff eine Frau die Tagesschau sprechen. Erst 1977 ließ eine Gesetzesänderung im Familienrecht die auf dem Papier längst festgeschriebene Gleichstellung von Mann und Frau ein wenig mehr Realität werden. Bis dahin konnte der Mann allein über das Wohl der gemeinsamen Kinder bestimmen oder darüber, ob seine Frau arbeiten gehen darf.

Zurück in die Vergangenheit

Von dieser Zeit des Umbruchs erzählt die neue ZDF-Serie und stellt eine eigenwillige Feministin in den Mittelpunkt. Als erfolgreiche Bestseller-Autorin mischt Zarah die Redaktion auf und bringt frischen Wind in die wertkonservative Männergruppe. An der Seite von Uwe Preuss als Verleger und Torben Liebrecht als Chefredakteur spielt Claudia Eisinger diese Zarah. „In die politischen Kontexte der Zeit musste ich mich natürlich einlesen“, sagt die 32-Jährige, aber die emotionale Seite der Geschichte ist für mich zeitlos. Zarah ist eine Wahrheits-Kämpferin, die sich an den Strukturen reibt, aber nicht nur unter der Dominanz der Männer leidet, sondern auch mit Frauen zu tun hat, die diese Begrenzungen gar nicht merken und die sie wach rütteln möchte. Zarah ist also jemand, die immer Haltung bewahren muss, und selten einen Ort hat, wo sie weich sein kann. Als ich in der Rolle richtig drin war, habe ich erst gefühlt, wie sehr sich Zarah aufreibt und wie allein sie als Visionärin am Ende immer wieder ist.“

1973: Die engagierte Journalistin Zarah Wolf (Claudia Eisinger) kämpft für die Emanzipation der Frau und gegen die patriarchalen Strukturen eines Wochenmagazins.

Frauenpower krempelt die Gesellschaft um

Das Autoren-Ehepaar Eva und Volker A. Zahn hat „Zarah” als starken, aufmüpfigen Charakter angelegt. „Wir haben eine Frau erfunden, die mit großer Kraft den Kampf um die Gleichberechtigung aufnimmt, die in London gelebt hat, in der Frauenbewegung vernetzt ist und als Aktivistin und Feministin den Marsch durch die Institutionen antritt. So eine Frau, die zwischen allen Stühlen sitzt, fanden wir spannend“, berichten die beiden. Alice Schwarzer, Ingrid Kolb, die spätere Leiterin der Henry-Nannen-Journalistenschule, die Hamburger Autorin Peggy Parnass waren die Vorbilder für die fiktive Figur der Zarah, Stern und Spiegel lieferten die Blaupause für das ebenfalls fiktive Magazin Relevant.

Medienstadt Hamburg als Kulisse

Somit war Hamburg naheliegend als Drehort, zumal der Vater des Produzenten Jan Kromschröder, der die Serie initiierte, einst für den Spiegel schrieb. Mit Lokalkolorit tut sich die Kölner Produktion allerdings etwas schwer, nicht weil sie sich nicht ausreichend in Hamburg zu Hause fühlte. „Im reichen Hamburg mit seinen vielen Neubauten haben wir kaum Motive gefunden, die noch nach 70er Jahre aussehen“, erzählt Produzentin Eva Holtmann. Aber immerhin, der damalige Kultklub Madhouse wurde als Filmkulisse wiederbelebt, das Onkel Pö allerdings nicht.

Ein Blick aufs Zeitgeschehen

In der sechsteiligen Serie ist die Story um Zarah ein durchgehender Erzählstrang, die einzelnen Episoden greifen jeweils relevante Themen der Zeit auf: den Kampf um Abtreibung, der historisch vom Geständnis von 374 Frauen im Stern beflügelt wurde, den Beginn des RAF-Terrorismus, die Auseinandersetzung um sexistische Titelbilder, das Wagnis gleichgeschlechtlicher Liebe.

Der Kampf geht weiter

Doch trotz aller geschichtlichen Bezüge, authentischer Einrichtungen und der knallfarbenen Kleidung der 70er, sind die Figuren in Habitus und Sprache nah an der heutigen Zeit. „Für mich war interessant“, so Claudia Eisinger, zu merken, dass es ein Trugschluss ist, dass sich viel verändert hätte. Die alten Strukturen kommen subtiler daher. Bisher galten Frauen dann als stark, wenn sie sich männlich verhalten. Für mein Gefühl sind wir aber jetzt in einer Zeit, in der Frauen beginnen, radikal ihre authentische Weiblichkeit zu leben und das hat enorme Kraft.  Ich hoffe, dass die Serie eine Diskussion über das Thema anschiebt.“

 

Autorin: Herdis Pabst

Fotos: Claudia Eisinger in der ZDF-Serie Zarah © Jules Esick / ZDF

6. September 2017 von Redaktion

Kategorien: Hamburg filmt, Kulturgenuss

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