Drei Minuten Jonathan: Der Trend zur Halbbildung

In letzter Zeit fällt mir immer mehr auf, dass ich von einer Scheinwelt umgeben bin. Der graue Ansatz lässt Zweifel am ansonsten blonden Haar aufkommen. Ein netter Kontakt, der sich plötzlich zu einem Verkaufsgespräch entwickelt, zeigt, dass sich fast alles nur um Geschäfte dreht. Doch ein neuer Trend gibt mir wirklich zu denken: Der Trend zur Halbbildung.

Imaginäre Bildung

„Haben Sie auch Proust gelesen?“ fragte mich neulich jemand. „Ein phänomenales Buch. Alleine diese Szene am Strand.“ Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist ein monumentales Werk von rund 4.000 Seiten und besteht aus mehreren Bänden. Ich habe es gelesen und freue mich über jeden, mit dem ich mich darüber austauschen kann. Denn davon gibt es nicht sehr viele. Also antworte ich: „Oder die Szene mit den roten Schuhen der Herzogin.“ Ich blickte in ein fragendes Gesicht. „Die habe ich nicht mehr so in Erinnerung“, gab mein Gesprächspartner zu. „Aber an die Schlüsselszene vor dem Spiegel werden sie sich gewiss noch erinnern?“ fragte ich weiter. Peinliches Schweigen. Da war klar: Mein Gegenüber hat Proust nie gelesen. Er wollte nur mit seiner imaginären Bildung angeben. Nach ein paar höflichen Floskeln ließ ich ihn stehen.

Nutzen wir unsere Zeit falsch?

Seit ich darauf achte, fällt mir verstärkt auf, von wieviel heißer Luft ich umgeben bin. Da wird falsch zitiert, verkürzt zusammengefasst und alles Mögliche behauptet, das wissenschaftlich bewiesen sein soll. Nicht alles kommt aus dem Internet. Menschen scheinen sich darin zu gefallen, den Anschein eines soliden Wissens zu erwecken. Bedenklich: Dieser Trend wird gezielt gefördert. Ein Unternehmen bietet zum Beispiel Zusammenfassungen von Sachbüchern an und wirbt damit, dass der Inhalt jedes Buches in nur fünfzehn Minuten erfasst werden kann. Ist das noch Kultur? Das Argument für solche Dienste ist Zeitersparnis. Aber haben wir wirklich so wenig Zeit, dass wir uns nur noch Halbbildung leisten können? Oder nutzen wir unsere Zeit einfach falsch?

Greifen Sie zu einem Buch anstatt zur Fernbedienung

Streaming-Dienste wie Netflix wachsen exorbitant. Sitzen wir also zu viel vor Computer und Fernseher? Das kann natürlich nur jeder für sich entscheiden. Als kleiner Selbsttest genügt folgendes: Kennen Sie die Kandidaten der letzten Casting-Shows? Oder wissen Sie alles über Stars und Sternchen? Falls ja, sollte Ihnen das zu denken geben – und Sie in den nächsten Tagen vielleicht eher zu einem Buch greifen lassen, als zur Fernbedienung.

 

Warum drei Minuten, Jonathan?

Übersicht aller Themen dieser Kolumne.

Und hier geht es zu dem aktuellen Buch des Hamburger Schriftstellers David Jonathan.

 

 

 

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Foto/Grafik: © David Jonathan/photolab

24. März 2021 von Redaktion

Kategorien: Hamburg liest, Kulturgenuss

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