Mein Hamburg: Birgitt Ohlerich

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen Birgitt Ohlerich, Landesverbandsvorsitzende des Verbands deutscher Unternehmerinnen.

Das wirtschaftliche Umfeld für Frauen zu gestalten, hat Birgitt Ohlerich schon immer gereizt, auch für sich selbst. Sie wollte immer selbstständig sein und konnte diesen Traum mit einer eigenen Steuerkanzlei auch zügig umsetzen. Im Verband deutscher Unternehmerinnen setzt sie sich schon lange dafür ein, dass Frauen als potent wahrgenommen werden, seit zwei Jahren als Landesverbandsvorsitzende.

Sie sind in der Stadt gut vernetzt. Kommen Sie aus Hamburg?

Ich bin in Barmbek geboren und fühle mich wohl in Hamburg, auch wenn ich inzwischen außerhalb in Oststeinbek wohne. Hamburg ist für Unternehmerinnen ein gutes Pflaster. Ich kann mir sehr viele Informationen holen und mich gut vernetzen. Es gibt eine sehr offene Gesprächskultur, die Stadt ist innovativ. Zum Beispiel arbeiten wir an einem Austausch von Wissen zwischen den Universitäten der Stadt und den verschiedenen Bereichen der Wirtschaft. Das ist sehr inspirierend in beide Richtungen.

Sie sind seit zwei Jahren Landesverbandsvorsitzende des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU). Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

Mich hat gereizt, dass ich so die Möglichkeit habe, das wirtschaftliche Umfeld für Frauen mitzugestalten. Frauen arbeiten seit vielen Jahren daran, auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden, sowohl von männergeführten Unternehmen als auch von der Politik. Wir haben in den letzten Jahren eine Menge erreicht, aber es gibt noch Luft nach oben.

Was macht den Verband der Unternehmerinnen aus?

Wir sind ein Verband mit sechzehn Landesverbänden. Wir haben eine Geschäftsstelle in Berlin als Nahtstelle zur Politik. Der VdU hat gerade im letzten Jahr einen großen Schritt nach vorne getan, als er auf Bitten der Bundesregierung den Women 20-Dialogprozess im Vorfeld des G20-Gipfels mitgestaltete. Geplant für 100 Teilnehmer, wurde daraus eine Veranstaltung mit 400, darunter IWF-Chefin Christine Lagarde, die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland und die holländische Königin Máxima. Insbesondere durch die Teilnahme von Ivanka Trump, die ihren ersten politischen Auftritt absolvierte, hat der Women 20-Prozess eine große Aufmerksamkeit bekommen. Seither wird unser Verband ganz anders wahrgenommen und verstärkt gebeten, an wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen teilzunehmen. So haben wir bis zum Jahresbeginn bundesweit 150 neue Mitglieder gewonnen und vertreten mittlerweile 2.000 Unternehmerinnen.

Welche Aufgabe hat der Verband?

Die wichtigste Aufgabe ist die interne Vernetzung der Unternehmerinnen. Der Gedanke geht zurück auf Käte Ahlmann, die, seit 1931 Geschäftsführerin des Stahlwerks Ahlmann-Carlshütte, 1954 den Verband als eine Plattform gründete, damit sich Frauen gegenseitig stärken und austauschen können. Das ist immer noch nötig und findet bei den monatlichen Veranstaltungen unserer Landesverbände zu unterschiedlichsten wirtschaftspolitischen Themen statt. Es ist immer wieder faszinierend, wie anders die Kommunikation verläuft, wenn Referenten und Publikum nur aus Frauen bestehen. Es ist viel offener, lockerer, heiter und meistens auch intensiver. Dabei haben wir nichts gegen Männer und finden auch den Austausch wichtig. Eines meiner Anliegen ist, mit allen Wirtschaftsverbänden gut vernetzt zu sein und gelegentlich Veranstaltungen gemeinsam zu machen. Aber unsere VdU-Veranstaltungen sind „women only“. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

Was passiert, wenn Männer dabei sind?

Wenn Männer im Raum sind, richtet sich die Kommunikation an ihnen aus. Das ist eines der Dinge, die sich noch nicht genügend gewandelt haben. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, die Denkweise in der Wirtschaft zu verändern. Leider ist es auch heute noch der Fall, dass sich Frauen doppelt beweisen müssen, besonders in den MINT-Bereichen. Da hat sich zwar einiges in den letzten Jahren verbessert, aber wir sind noch nicht da angekommen, wo wir sein wollen. Wir müssen schon in der Erziehung der Kinder über dieses Schachteldenken hinauskommen und Mädchen darin bestärken, ihre Chancen in MINT-Berufen zu ergreifen. Als Unternehmerinnen haben wir das Ziel, den jungen Mädchen zu zeigen, wie spannend Technik sein kann, wie spannend Unternehmertum insgesamt sein kann und müssen das auch vorleben.

Also brauen wir die Frauen-Quote wirklich?

Ich bin eine Befürworterin der Quote, weil ich glaube, dass wir nur auf diese Art und Weise eine Veränderung bewirken. Ich werde aber auch sehr glücklich sein, wenn wir an dem Punkt sind, wo wir die Quote wieder abschaffen können. Durch die gesetzlichen Vorgaben der Quote gibt es tatsächlich Fortschritte. Der Anteil der Frauen in Aufsichtsräten ist deutlich gestiegen. Wir fordern aber auch mehr Frauen in Vorständen. Da man nicht in die wirtschaftliche Freiheit eines Unternehmens eingreifen kann, kann man dort nicht mit einer Quote arbeiten. Aber allein dadurch, dass es inzwischen so viele tolle Frauen in Aufsichtsratspositionen gibt, bewegt sich inzwischen auch etwas bei den Vorständen.

Was kann der Verband noch tun, damit die berühmte gläserne Decke durchlässiger wird?

Die Sichtbarkeit der Unternehmerinnen und auch die Wertschätzung haben deutlich zugenommen. Trotzdem gibt es da noch Luft nach oben. Es ist Ziel unseres Verbandes, die Unternehmerinnen darin zu bestärken, sichtbarer zu werden. Es reicht nicht, still seinen Job gut zu machen. Frauen sollten Männern nicht den Vortritt lassen. Frauen neigen dazu, sich erst zu melden, wenn sie etwas zu 120 Prozent können. Sie sollten aber schon bei 80 Prozent ihren Hut in den Ring werfen. Vernetzung ist da ein wunderbares Instrument, zu bestärken, Rückendeckung zu geben und sich ohne Konkurrenzgedanken auszutauschen. Im Umfeld des Women 20-Prozesses haben wir das Projekt “WEConnect“ aufgesetzt, eine Zertifizierung für frauengeführte Unternehmen. Da geht es darum, dass bei Ausschreibungen frauengeführte Unternehmen berücksichtigt werden sollen. Dieser Idee haben sich fünfzehn namhafte Unternehmen auf freiwilliger Basis angeschlossen.

Haben Sie sich schon immer für Wirtschaft interessiert?

Ja, ohne dieses Interesse hätte ich meinen Beruf als Steuerberaterin gar nicht ausüben können. Nach dem Abitur wollte ich nicht studieren und habe 1978 meine Ausbildung in der Steuerkanzlei begonnen, die ich dann später übernommen habe. Ich habe durch meine Tätigkeit die Chance, Einblick in verschiedenste Unternehmen und in verschiedenste Wirtschaftsbereiche zu bekommen. Mich hat immer fasziniert, wie ich dem Unternehmer helfen kann oder wie man bei einer bestimmten Fragestellung agieren sollte. Diese Faszination empfinde ich auch bei meiner Verbandstätigkeit. Es ist sehr spannend, die unterschiedlichsten Unternehmerinnen, die unterschiedlichsten Rechtsformen, die unterschiedlichsten Fragestellungen kennenzulernen. Das macht mir ungeheuer Spaß.

Was würden Sie sich für Hamburg wünschen, haben Sie eine Vision für die Stadt?

Ich wünsche mir eine stabile Wirtschaftslage. Ich glaube, dass die Fertigstellung der Elbphilharmonie ein großer Segen war, weil es gerade den Wirtschaftszweig des Tourismus sehr gefestigt hat. Dass Hamburg mit einem höheren Stellenwert wahrgenommen wird, sieht man auch daran, dass wir 2021 den ITS-Weltkongress zu intelligenten Verkehrssystemen ausrichten dürfen. Ich wünsche mir die Realisierung der Elbvertiefung. Der Hafen ist eine unserer Lebensadern. Wenn wir diesen Wirtschaftszweig an Bremerhaven oder Rotterdam verlören, dann schadet das allen wirtschaftlichen Bereichen. Ich wünsche mir, dass die gute Kommunikation zwischen Wirtschaft und Politik, die wir in Hamburg unabhängig von parteipolitischer Ausrichtung haben, sich weiter intensiviert. Und ich wünsche mir, dass Hamburg lebenswert bleibt.

Wie erleben Sie die Stadt, wenn Sie Freizeit haben?

Ich gehe gerne in die Oper, ins Ballett oder ins Theater und ich versuche ab und an, eine Elbphilharmonie-Karte zu ergattern. Hamburgs kulturelles Angebot finde ich großartig. Obwohl ich in Hamburgs Speckgürtel wohne, sind die Wege kurz. In einer halben Stunde bin ich zu Hause. Ich bin allerdings auch gerne im Grünen, vor allem mit unsrem eineinhalbjährigen Hund.

Haben Sie ein Lebensmotto, ein Lieblingszitat oder Lieblingsschnack?

Mein Motto ist, alles machen, was Spaß macht.

 

 

Autorin: Herdis Pabst
Foto: Birgitt Ohlerich © JoClaRo

11. April 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg arbeitet, Mein Hamburg, Unternehmenslust

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