Portrait: Antonia Sophie Gerlach, Hamburg

Hamburgs Helden: Auf gute Nachbarschaft

Was kann uns Geschichte lehren? Vieles. Zum Beispiel, dass schwierige Zeiten eine starke Nachbarschaft bilden, die Hamburg positiv prägen. Das zeigt die Schülerin Antonia Gerlach mit ihrem Beitrag zum Geschichtswettbewerb der Körber Stiftung – und erhielt dafür von Bundespräsident Gauck eine Auszeichnung .

Zeitzeugen sagen aus

Antonia Gerlach hat nur durch Zufall erfahren, dass es in Hamburg mal eine Zeit gab, in der Hausbesetzer die Stadt spalteten – und war davon sofort fasziniert. „Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl war, in einer Straße wie der Bernhard-Nocht-Straße zu wohnen, wenn plötzlich über Nacht an beiden Seiten der Straße Barrikaden gebaut würden, tausende von Polizisten darum versammelt wären, bereit einzumarschieren und die besetzten Häuser zu räumen“, erklärt sie in ihrer Arbeit.

Sie begann zu recherchieren. „Relativ schnell war klar, dass ich keine Einsicht in Schulakten und Akten der Senatskanzlei bekommen könnte“, berichtet sie. Daher entschied sie sich, der Geschichte vor allem durch Gespräche mit Zeitzeugen auf den Grund zu gehen: Sie sprach mit der damaligen Schulleiterin Jutta Warlies, dem Hausmeister-Ehepaar Meckel, der ehemaligen Hausbesetzerin Simone Borstede, dem Pastor der Friedenskirche in Altona Christian Arndt, Jens Huckeriede – der gemeinsam mit Jutta Schubert einen Film über die Hafenstraße gedreht hat – sowie Kai Teschner, ein freiwilliger Unterstützer der Hausbesetzer.

Portrait: Antonia Sophie Gerlach, Hamburg

Barrikaden bringen Nachbarn zusammen

Die überhastete Abriegelung der Hausbesetzer hatte nämlich auch Folgen, an die keiner gedacht hatte. Unter anderem beeinträchtigten die Barrikaden die Schule in der Friedrichstraße. Nachdem das den Hausbesetzern klar geworden war, setzten sie sich mit ihren Nachbarn zusammen und versuchten, Lösungen zu entwickeln. So entstand eine Gemeinschaft, die bis heute spürbar ist.

Die Schüler in der Friedrichstraße verarbeiteten ihre Erfahrungen zum Beispiel in einem Wandbild, wie Antonia Gerlach beschreibt. Ein Hafenstraßen-Bewohner gründete eine Fahrradwerkstatt, in der er bis heute gemeinsam mit Schulkindern Fahrräder repariert und ihnen Verkehrsregeln beibringt. Eine ehemalige Hafenstraßen-Bewohnerin arbeitet heute als Sekretärin in der Schule.

Fazit: Geschichte macht Zukunft

Antonia Gerlachs Fazit fällt damit positiv aus: „Die Barrikaden und die Polizeieinsätze haben die Nachbarschaft positiv beeinflusst, da durch den nötigen Kontakt Gemeinsamkeiten entdeckt wurden und man sich für die gleichen Projekte einsetzte“. Und so zeigt sie, dass selbst unter schwierigen Bedingungen eine engagierte und starke Gemeinschaft entstehen kann, selbst mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Weltanschauungen.

Die Voraussetzung für eine solch positive Entwicklung müsse – bei allen Unterschieden – jedoch sein, dass der Einzelne nicht einfach nur sein Interesse durchsetzte, sondern auch auf das achte, was den Anderen wichtig sei. Antonia Gerlach zeigt damit einmal mehr, wie wichtig der Blick in die Geschichte ist. Denn die Haltung, die Hausbesetzer und Nachbarn damals zeigten, könnte auch bei gegenwärtigen Brennpunktthemen zielführend für eine konstruktiven Zukunftsentwicklung sein.

 

ÜBER DEN GESCHICHTSWETTBEWERB

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland. Kinder und Jugendliche sollen so ihr Interesse für die eigene Geschichte entdecken. Seit seiner Gründung im Jahr 1973 durch den damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und den Stifter Kurt A. Körber haben über 130.000 junge Menschen mit mehr als 28.000 Beiträgen mit jährlich wechselnden Themenschwerpunkten teilgenommen. Dieses Jahr lautete das Motto »Vertraute Fremde. Nachbarn in der Geschichte«. Weitere Informationen gibt es unter www.koerber-stiftung.de/bildung/geschichtswettbewerb.html

13. November 2013 von Redaktion

Kategorien: Hamburg bewegt, Tatkraft

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