Mein Hamburg: Rainer Moritz

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg

Seine Liebe zur Literatur hat Rainer Moritz schon früh als Schüler entdeckt. Er studierte in Tübingen Germanistik, war in Verlagen in Berlin und Leipzig tätig und kam 1998 nach Hamburg zu Hoffmann und Campe. 2004 wechselte er ins Literaturhaus Hamburg und leitet die Institution seit Februar 2005. Als Autor und Literaturkritiker hat er zahlreiche Bücher und Schriften veröffentlicht. 2015 verlieh ihm der Hamburger Senat den Ehrentitel Professor.

Seit 1998 leben und arbeiten Sie in Hamburg. Was macht für Sie die Stadt aus?

Als ich vor zwanzig Jahren nach Hamburg kam, habe ich  nach wenigen Monaten gespürt, dass ich mit der Stadt sehr gut zurechtkomme. Ich hatte schon immer – das ist ja bei Süddeutschen häufig so – eine große Affinität zu Wasser und zum Meer. Als ich beim Verlag Hoffmann und Campe im Harvestehuder Weg anfing, brauchte ich nur vom Schreibtisch aufzustehen, um auf die Alster zu blicken. Mit dem Literaturhaus in Uhlenhorst habe ich mich da noch verbessert. Da sehe ich sie im Sitzen. Aber im Ernst, ich hatte keine Eingewöhnungsschwierigkeiten und fand die Hamburger auch nicht verschlossen. Meine Heimat ist allerdings immer noch Heilbronn, wo ich aufgewachsen bin, wo ich die prägenden Jahre der Kindheit und der Schulzeit verbracht habe.

Was hat Sie gereizt vom Verlag zum Hamburger Literaturhaus zu wechseln, außer dem besseren Blick auf die Alster?

Ich habe es schon eine Weile überlegt, dann aber freudig zugesagt und es nie bereut. Ich habe das Metier ja nicht verlassen, sondern nur die Seite gewechselt. Das Hamburger Literaturhaus ist besonders, diese schöne Villa mit dem Café und der Buchhandlung. Es ist eine großartige Aufgabe, dieses Haus voranzubringen und es so aufzustellen, dass es zu einem breiten Forum wird, das niemanden ausschließt und viel von der Gegenwartsliteratur abbildet. Persönlich kann ich vieles gut kombinieren, Autoren ins Haus holen, selber als Autor und Kritiker publizieren oder neue Formate entwickeln.

Welche Schwerpunkte, welche Themen prägen Ihre Arbeit?

Der Auftrag ist, zu erklären, warum es so toll ist, Literatur zu lesen, und vor allem auch jene Literatur zu vermitteln, die es schwer auf dem Buchmarkt hat. Hier kann ich am Dienstag einen guten Kriminalautor vorstellen und am Donnerstag einen slowenischen Lyrikabend veranstalten, zwei völlig unterschiedliche Programme, sodass das Publikum die Chance hat, auszuwählen. Unsere Besucher sind neugierig und wollen auch schwierige Dinge verstehen. Unsere beiden Musil-Abende waren zum Beispiel nahezu ausverkauft.

Wie steht es um den Nachwuchs?

Den Bereich Kinder- und Jugendliteratur haben wir stark ausgebaut, mit sieben bis acht Formaten bis hin zum Schreiblabor und Schulhausroman. Wir haben einen großen Zuspruch bei Veranstaltungen für Sechsjährige bis Achtzehnjährige. Dann entsteht eine Lücke. Es kommen erst wieder die Übervierzigjährigen. Auch Studenten kommen selten, noch nicht mal die Germanisten. Man kann nur hoffen, dass sich die Kinder und Jugendlichen, die hier waren, daran erinnern, wenn sie älter sind.

Ist Hamburg eine Literaturstadt?

Das würde ich nicht sagen. Dafür ist Hamburg zu sehr kaufmännisch geprägt. Es gibt einige Verlage, doch wenig große Publikumsverlage. Hamburg ist aber ein Zentrum der Kinder- und Jugendliteratur. Im nächsten Jahr gehen wir der Hamburger Literaturgeschichte nach: Matthias Claudius, Friedrich Gottlieb Klopstock, Hans Henny Jahnn, Hans Erich Nossack, Wolfgang Borchert, Peter Rühmkorf, Siegfried Lenz. Hamburg hat also Literaturgeschichte mitgeschrieben.

Wie sind Sie zur Literatur und zum Schreiben gekommen?

Ich komme aus keinem Bildungsbürgerhaushalt. Die Bücher, die es bei uns gab, waren überschaubar. Meine Mutter war im Buchclub. Aber ich hatte einen guten Deutschlehrer und schon als Schüler viel gelesen und auch für die Schülerzeitung geschrieben. Schreiben und Lesen hingen für mich immer zusammen. Als Autor habe ich ja zwei merkwürdige Spezialgebiete: Schlager und Fußball. Ich besitze eine Sammlung von wohl zweihundert Fußballbüchern und im Februar kommt von mir ein neues Buch zur WM heraus. Aber auch Romane habe ich geschrieben. Meine Themen richten sich nach meinem Interesse oder sind Auftragsarbeiten. Zurzeit arbeite ich an einem Buch über meinen Vater, der vor zwei Jahren gestorben ist. Es geht um die Dinge im Leben, die bleiben – für mich als Autor ein neues Genre.

Welche Zukunftsvisionen haben Sie für das Literaturhaus?

Mein Wunsch ist, dass das Haus seinen lebendigen Charakter behält und in die Stadt hineinwirkt als literarisches Zentrum, durchaus mit überregionaler Ausstrahlung. Das ist nicht einfach bei einem Förderungszuschuss, der trotz stetig steigender Kosten lange unverändert geblieben ist und zu einem ständigen Gespräch mit der Kulturbehörde führt. Die stille Kunst der Literatur kann man nicht nur unter touristischen Gesichtspunkten betrachten. Und dann hoffe ich, dass unsere Baumaßnahme gelingt, für die wir im Sommer acht Wochen schließen: Wir bekommen einen gläsernen Fahrstuhl, um endlich barrierefrei zu werden., und eine neue Lüftungsanlage im Saal.

Und für Hamburg?

Da wünsche ich mir, dass Hamburgs Kultur von der Elbphilharmonie profitiert. Sie ist kulturell ein wichtiger Faktor. Ich bin neugierig, ob sie tatsächlich zum erwünschten „Mitreißphänomen“ für andere Kulturveranstaltungen wird. Das gelingt nur, wenn Kultur nicht als Beiwerk betrachtet wird, wozu der Hamburger ja gelegentlich neigt. Und ich möchte, dass der HSV endlich absteigt. Kein Verein hat sich das nach sechs Jahren Abstiegskampf so verdient wie der HSV. Dann kann er sich endlich regenerieren.

Haben Sie ein Lebensmotto, Lieblingszitat, Lieblingsschnack?

Ich setze auf die Rapid-Viertelstunde. Der Ausspruch geht zurück auf den Fußballverein Rapid Wien. Dessen Fußballer haben ihre Spiele oft schlecht begonnen,  dann in der letzten Viertelstunde aufgeholt und das Spiel noch gedreht. Es geht also darum, die Kastanien in der letzten Viertelstunde noch aus dem Feuer zu holen, beharrlich zu sein und die Flinte nicht zu früh ins Korn zu werfen.

 

Autorin: Herdis Pabst
Foto: Rainer Moritz © Gunter Gluecklich
Foto: Hausfassade Literaturhaus Hamburg © Gunter Gluecklich

31. Januar 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg liest, Kulturgenuss, Mein Hamburg

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