Mein Hamburg: Jutta Ludwig

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen die Präsidentin des Zonta Club Hamburg, Jutta Ludwig.

Jutta Ludwig hatte sich als Wirtschaftsexpertin längst einen Namen gemacht, bevor sie begann, sich im Zonta Club Hamburg für Frauenthemen zu engagieren. Sieben Jahre lang war sie Geschäftsführerin der deutschen Auslandshandelskammer in Peking, war im Vorstand der Hamburg Marketing und leitete die Hamburgische Gesellschaft für Wirtschaftsförderung. Als Beraterin unterstützt sie heute Institutionen und Unternehmen bei ihren Beziehungen zu China. Für ihr soziales Engagement beim Zonta Club Hamburg nimmt sie sich dennoch Zeit.

Sie kommen aus Hamburg, aber Sie sind bald in die Welt hinausgezogen.

Meine Familie lebt hier seit vielen Generationen und so ist Hamburg meine Heimat. Ich bin viel in der Welt herumgekommen, aber diese Stadt bleibt etwas Besonderes. Mit den riesigen Ozeanschiffen, die am Wittenberge vorbei bis in den Hafen fahren, geben sie dem Fluss eine einzigartige Atmosphäre. In unserer Familie spielte die Internationalität eine große Rolle, insbesondere bei meinen älteren Geschwistern. Auch das hat mich dazu bewegt, neben Volkswirtschaftslehre zusätzlich Sinologie zu studieren. Um die Sprache zu erlernen, habe ich in den Siebzigerjahren in Asien studiert und schließlich mich das ganze Berufsleben lang mit Außenwirtschaft und Außenwirtschaftspolitik beschäftigt. Dabei lag mein Fokus vor allem auf China.

Sie sind Präsidentin des Zonta Club Hamburg. Er wurde 1931 als erster Club in Deutschland gegründet.

Nachdem damals eine Delegation aus den USA, wo es bereits den ersten Zonta Club gab, nach Hamburg kam, haben hier 39 Ärztinnen, Künstlerinnen, Geschäftsfrauen und Wissenschaftlerinnen den Zonta Club Hamburg gegründet. Sie haben sich für Frauenechte eingesetzt, internationale Kontakte aufgebaut und soziale Projekte zur Unterstützung von Frauen ins Leben gerufen. In der NS-Zeit haben sich die Frauen in ihren privaten Häusern getroffen. Aber es war eine schwierige Situation, auch weil es unter den Zonta Club Mitgliedern einige sehr geschätzte Jüdinnen gab. Über unsere Gründerinnen wurde übrigens ein höchst interessantes Buch veröffentlicht, das demnächst neu aufgelegt wird. In der Nachkriegszeit wurden allmählich wieder Projekte aufgebaut und unser Club hat weitere Zonta Clubs in Hamburg und Deutschland gestartet. Inzwischen gibt es fünf Zonta Clubs in Hamburg.

Am 8. März ist Weltfrauentag. Wie wichtig ist solch ein Tag?

Einen Tag, der die Rechte der Frauen thematisiert, finde ich richtig und wichtig. Damit wird die Aufmerksamkeit auf das Thema der Gleichberechtigung von Frauen gelenkt, was noch immer erforderlich ist. Auch wir fünf Hamburger Zonta-Clubs organisieren anlässlich des Weltfrauentags eine gemeinsame Veranstaltung, die wir aber wegen der Hamburger Ferien häufig zeitlich vorziehen. Dieses Jahr hatten wir Referentinnen zum Thema “Work-Life Blending und Nachhaltigkeit – die Zukunft hat begonnen“ eingeladen und die Themen Digitalisierung und ökologische Nachhaltigkeit diskutiert.

Worum ging es da?

Wir erwarten massive Veränderungen des beruflichen und privaten Lebens, die auch gute Chancen für das gleichberechtigte Leben und Arbeiten von Frauen und Männern bieten. Ebenso wie sich unsere Arbeitsformen verändern werden, müssen wir auch unser Konsumverhalten an die vorhandenen natürlichen Ressourcen anpassen. Nicht nur die Erwerbstätigkeit, sondern auch die sogenannten Reproduktionstätigkeiten wie Hausarbeit, Kinderbetreuung oder Altenpflege sollten künftig durch die Sozial- und Rentenversicherung gebührend belohnt werden. Und auch Unternehmen könnten bei der Beurteilung von Mitarbeitern deren familiäres und soziales Engagement positiv aufnehmen und als Bonuspunkte für die Karriere berücksichtigen.

Waren Themen, die für Frauen relevant sind, für Sie schon immer wichtig?

Eigentlich nicht. Durch meine damals außergewöhnliche Studienfachkombination war ich in meinem Arbeitsbereich gut aufgestellt und anerkannt. So hatte ich nie das Gefühl, dass ich für mich als Frau besonders habe kämpfen müssen. Schwierig war es allerdings, eine kleine Arbeitszeitreduzierung durchzusetzen, die ich wegen meiner Kinder in den Achtzigerjahren benötigte, denn das war damals für Führungskräfte unüblich. Zu den Frauenthemen und in Kontakt mit Zonta bin ich erst gekommen, als mich Zonta Club einlud, eine Laudatio zur Verleihung des Jane M. Klausmann Scholarship zu halten.

Welche Aufgaben und Ziele haben die Zonta-Clubs?

Unser Ziel ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Wir organisieren lokale Service-Projekte für benachteiligte Frauen und Mädchen in Hamburg und spenden über Zonta International an weltweite Projekte. Letztere werden vielfach in Zusammenarbeit mit der UNO durchgeführt. Da weltweit dreißig Prozent der Frauen und Mädchen Gewalt ausgesetzt sind, spielt dieses Thema eine große Rolle. Deshalb setzen wir uns gegen häusliche Gewalt ebenso wie gegen Beschneidungen von Mädchen oder Kinderehen ein. Wichtig sind uns Projekte in afrikanischen Ländern, in denen wir den Mädchen eine Schulbildung und damit letztendlich ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Seit zwei Jahren kümmert sich Zonta International auch um das Thema Trafficking, bei dem Frauen von Zuhause weggelockt werden und schließlich irgendwo in der Prostitution landen.

Welche Projekte gibt es speziell in Hamburg?

Die fünf Zonta-Clubs in Hamburg haben jeweils individuelle Projekte. Der Zonta Club Hamburg unterstützt zum Beispiel die Kemenate FrauenWohnung, mit der obdachlosen Frauen bei ihrem Weg zurück in die Gesellschaft geholfen wird. Ein weiteres langjähriges Projekt ist die Förderung der Arbeitsgemeinschaft Spina bifida und Hydrocephalus (ASBH), bei dem wir erkrankte Mädchen und deren Mütter unterstützen. Mit dem Jane M. Klausman Business Scholarship zeichnen wir herausragende Studentinnen der Wirtschaftswissenschaften aus. Seit diesem Jahr fördern wir mit Deutschlandstipendien junge Studentinnen, die aus Syrien zu uns geflüchtet sind, nun an der Universität Hamburg studieren. Mit der weltweiten Zonta-Aktion “Orange Your City“ haben alle Hamburger Zonta Clubs gemeinsam am 25. November 2017 in Hamburg ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen gesetzt und einige Gebäude orange beleuchtet.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft, damit die Gleichberechtigung vorankommt?

Wir Frauen müssen uns noch stärker untereinander vernetzen und gegenseitig unterstützen. Gesetzliche Vorgaben für den Einzug auf Führungsebenen in Wirtschaft und Politik sollten weiter durchgesetzt werden. Die Betreuung von Kindern muss im Kindergarten und in der Schule verbessert werden. Dafür wünsche ich mir ein Schulsystem, dass bei den Lerninteressen der Kinder ansetzt und ihnen mehr Freiheit für Kreativität, Sport, Kunst und Musik lässt. Wir müssten es schaffen, dass auch Unternehmen das Engagement von Männern und Frauen in der Familie und Gesellschaft honorieren und sie in ihrer Karriere nicht zurückgeworfen werden. Übrigens finde ich die kostenlose Kindergartenbetreuung in Hamburg als einen ersten Schritt vorbildlich.

Wenn Sie Zeit finden, wohin lockt es Sie in Hamburg privat?

Mein liebster Ort ist der Wittenbergener Strand, an dem ich gern spazieren gehe. Außerdem sitze ich gern auf dem Bullen in Blankenese oder genieße die junge Urbanität der HafenCity, in der eine wunderbare Mischung von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen entstanden ist.

Haben Sie ein Lebensmotto, Lieblingszitat, Lieblingsschnack?

Ein Lebensmotto habe ich eigentlich nicht, aber mein Ziel ist es, ökologisch nachhaltig zu leben und mich auch beruflich dafür einzusetzen, dass wir diesen Planeten in einem guten Zustand an die nächste Generation weitergeben können. Dafür tragen wir alle eine große Verantwortung, die wir zurzeit leider nicht erfüllen.

 

 

Autorin: Herdis Pabst
Foto: Jutta Ludwig (Mitte) mit den Präsidentinnen der Hamburger Zonta Clubs © Zonta Club Hamburg

7. März 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg hilft, Mein Hamburg, Tatkraft

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