Mein Hamburg: Gesa Engelschall

Was lieben die Hamburger an ihrer Stadt – und was nicht? Was bewegt ihr Leben oder was wollen sie bewegen? Menschen erzählen über ihre Leidenschaften, Lieblingsorte und ihr Leben in unserer Metropole. Wir fragen Gesa Engelschall, geschäftsführender Vorstand der Hamburgischen Kulturstiftung.

Für die Kultur einzutreten, Künstler zu unterstützen, ist Gesa Engelschalls Leben. Gleich nach ihrem Studium in Hamburg absolvierte sie einen Job in der Presseabteilung des Hamburger Schauspielhauses und arbeitete viele Jahre als Journalistin. Inzwischen geht sie ihrer Lieblingsbeschäftigung nach. Bei der Hamburgischen Kulturstiftung fördert sie Hamburgs junge Künstler. Auch privat steht bei ihr und ihrem Ehemann, Filmemacher Max Faberböck, die Kultur immer im Mittelpunkt.

Sie kommen aus Hamburg. Was macht für Sie die Stadt aus?

Hamburg ist eine sichere, mittlerweile auch offene, schöne Stadt. Meinen Mann, einen Bayer, habe ich hier her gelockt und ich bin froh, dass wir unsere Kinder hier großziehen konnten. Ich genieße das viele Grün und freue mich, dass man auch nachts ohne Angst Fahrrad fahren kann. Was mich manchmal nervt, ist das Wetter – und dass das kulturelle Selbstverständnis ausgeprägter sein könnte. Wenn im Hamburger Metropolis Kino eine große Retrospektive läuft, kommen bei solch einem Ereignis etwa zehn Besucher, zwei davon sind mein Mann und ich. In München wäre die Bude voll. Das finde ich ärgerlich, dabei weiß ich nicht einmal, woran es liegt. Denn bei Spenden für die Kultur sind die Hamburger und Hamburgerinnen sehr großzügig.

Im Kulturbereich fehlt es fast immer an Geld. Diese Erfahrung machten Sie gleich bei Ihrem ersten Job?

Ich habe damals am Hamburger Schauspielhaus die Pressearbeit für Intendant Peter Zadek gemacht, ein wirklich wunderbarer Künstler. Da habe ich schnell gelernt, dass Kultur Geld kostet. Auch für seine Inszenierung von „Wie es Euch gefällt“ war zu wenig Geld da. Daher schickte er mich los, um Unternehmen um Spenden zu bitten. Die Logos der Unterstützer malte der Künstler Johannes Grützke, der auch das Bühnenbild gestaltete, auf einen riesigen Bühnenprospekt, der vor jeder Aufführung gezeigt wurde. Innerhalb von drei Wochen kamen 30 000 Mark zusammen.

Seit elf Jahren leiten Sie die Hamburgische Kulturstiftung. Was reizt Sie daran?

Ich habe eine große Leidenschaft für Kunst, für Kultur, speziell für den künstlerischen Nachwuchs in unserer Stadt. Wir versuchen jungen Künstler, die mit spannenden, wagemutigen Projekten zu uns kommen, unter die Arme zu greifen. Weil wir wenig Stiftungskapital haben, müssen wir jeden Cent, den wir vergeben, auch akquirieren. Wir arbeiten hier in einem sehr guten Team, und es gelingt uns oft, für diese Künstler Perspektiven zu schaffen. Wir glauben fest daran, dass es für das gesellschaftliche Miteinander in unserer Stadt wichtig ist, dass es Kunst und Kultur gibt.

 

Wie ist die Stiftung entstanden?

Vor dreißig Jahren, als die Kultursubventionen drastisch gekürzt wurden, gründete Ingo von Münch, der damalige Kultur- und Wissenschaftssenator unter Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, die Hamburgische Kulturstiftung als privat-rechtliche Stiftung. Unterstützung für Künstler und Kulturprojekte zu akquirieren, geschah am Anfang vor allem über Spenden von Unternehmen und Privatpersonen. Über die Jahre haben wir den Freundeskreis ausgebaut, kooperieren mit anderen Stiftungen, die ein großes Stiftungskapital haben und uns als Partner schätzen, haben Projektpatenschaften initiiert, organisieren das Stiftermahl und weitere Benefizveranstaltungen. In diesem Jahr feiern wir unser dreißigjähriges Jubiläum.

Wer kann Unterstützung erhalten?

Wir sind eine Förderstiftung, die Ideen und Projekte von Künstlern unterstützt. Es gibt drei Einreichfristen. Durch die haben wir im Jahr etwa 300 interessante Anträge auf dem Tisch, eine Art Bauchladen im Kopf und auch auf dem Papier. So können wir schnell mit passenden Projekten auf die jeweils potenziellen Unterstützer – ob Firma oder Privatperson – zugehen, je nach Interesse aus den Bereichen junge Kunst, kulturelle Bildung oder Kinder- und Jugendkultur. Alle unsere Mitarbeiter schauen viele Projekte an und haben einen umfassenden Überblick über die Kulturszene in Hamburg. Das macht uns stark. Im letzten Jahr haben wir Projekte und Kulturpreise mit 1,2 Millionen Euro unterstützt.

Gibt es ausreichend Talente in der Stadt? Wie ist Hamburg da aufgestellt?

Wir haben immer wieder Projekte und Ausschreibungen gemacht, damit Künstler nicht nach Berlin oder Leipzig abwandern. Inzwischen bleiben die Kulturschaffenden aber wieder in Hamburg, einerseits, weil auch die Mieten in Berlin und Leipzig deutlich teurer geworden sind, andererseits hat sich in Hamburg eine interessante junge Kunstszene entwickelt. Es wäre allerdings gut, wenn der freien Kunstszene mehr Geld zur Verfügung gestellt werden könnte. Es hakt an allen Ecken und Enden.

Wie sieht die Lebenssituation der Künstler aus?

Es ist ein unglaublich hartes Business. Künstler leben oft in prekären Verhältnissen, verdienen im Schnitt um 13.000 Euro im Jahr. Trotzdem gibt es unter ihnen kaum Hartz IV-Empfänger. Sie finden immer wieder Mittel und Wege, sich durch irgendwelche Jobs zu unterhalten. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir ihnen unter die Arme greifen. Wir unterstützen Künstler besonders in den ersten Jahren ihres selbstständigen Wirkens nach der Ausbildung an den Hochschulen. Wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, zu experimentieren, sich auszuprobieren und sich zu etablieren, um idealerweise irgendwann von ihrer Kunst leben zu können.

Welche Rolle spielt die Stiftung für Hamburg?

Bei den Hamburgern und Hamburgerinnen wird bürgerschaftliches Engagement wirklich großgeschrieben. Wir sind froh, dass wir so viele treue Unterstützer haben, auch wenn es immer mehr Kultureinrichtungen und -projekte gibt, die Gelder akquirieren müssen, um vernünftig fördern zu können. Wir kümmern uns um alle Kultursparten: Bildende Kunst, Literatur, Tanz, Theater, Film, Musik und Kinder- und Jugendkultur.

Welche Zukunftsvisionen haben Sie für die Stiftung, für Hamburg?

Wir haben so viele interessante Projekte auf dem Tisch, da wünsche ich mir ganz viel Stiftungskapital, auch damit wir größere Projekte unterstützen können. Und einen höheren Kulturetat. Es sollten mehr Menschen an die Kultur herangeführt werden, etwa mit einem Museumstag, an dem der Eintritt nur einen Euro kostet. Auch die Kulturvermittlung muss noch besser werden. Es ist nachgewiesen, dass die kulturelle Bildung bei Kindern Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein stärkt sowie andere berufliche Perspektiven eröffnet und die soziale Integration fördert. Für manche ist Kultur immer noch nur ein Sahnehäubchen, aber Kultur ist existenziell wichtig für das Zusammenleben unserer Gesellschaft.

Kommen Sie als Privatperson von der Kultur los?

Nein, gar nicht, ich gehe ins Kino, ins Theater, in Ausstellungen und Konzerte – ich empfinde das nicht als berufliche Pflicht. Für mich ist das eine große Freude.

Was ist ihr Lieblingsort in Hamburg?

Der Jenischpark ist mein Lieblingspark, schon als Kind habe ich dort immer gespielt. Ich bin oberhalb von Övelgönne aufgewachsen. Mich fasziniert der Alte Elbtunnel, auch als Ausstellungsraum. Zu meinen Lieblingsrestaurants gehören das Vienna und die Brücke.

Haben Sie ein Lebensmotto, Lieblingszitat, Lieblingsschnack?

Ich halte mich an ein Zitat von Joseph Beuys: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“

 

 

Autorin: Herdis Pabst
Foto: Gesa Engelschall mit dem Fanny-Quartett der Initiative Jugend-Kammermusik Hamburg beim Stiftermahl im Rathaus © Michaela Kuhn

16. Mai 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg hilft, Mein Hamburg, Tatkraft

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