Ballroom

Marias Ballroom: 99 Jahre Kultkneipe in Harburg

Ohne seine Clubs wäre Hamburg um einiges ärmer. Im Stadtteil Harburg stemmt sich „Marias Ballroom“ seit fast 100 Jahren gegen den Kommerz.

Harburg? Das ist irgendwie weit weg! Gehört das überhaupt noch zu Hamburg? Tatsächlich ist man vom Hauptbahnhof mit der S-Bahn in 13 Minuten dort. Und „Marias Ballroom“ ist ein fester Bestandteil Harburgs. Ursprünglich als „Gaststätte Bei Maria“ prägt sie seit 1915 das Phoenix-Viertel, das nach einer dort ansässigen Gummifabrik benannt ist.

Seit April dieses Jahres ist Heimo Rademaker der Betreiber. Der 52-jährige war vorher schon Veranstalter dortiger Konzerte. Denn in „Marias Ballroom“ kann man nicht nur Bier trinken und eine schmöken, sondern auch Musik genießen.

Rock und Country im Süden Hamburgs

Vorne befindet sich eine Bar, wo regelmäßig die kleinen „Lounge-Konzerte“ stattfinden. Seitlich davon ist ein Clubraum und hinten ein großer Saal mit Bühne – der eigentliche Ballroom. Hier treten freitags und samstags Bands und Musiker auf, vornehmlich aus den Genres Rock, Country und Independent. Der Bluesrocker Jay Tamkin war schon hier und auch die deutsch-dänische Gruppe Johnny Judge.

„Marias Ballroom“ hat ein gewisses Stammpublikum. Die Leute kommen wegen der speziellen Atmosphäre. „Die Besucherzahlen könnten aber insgesamt besser sein“, gibt Heimo Rademaker zu. Sein Laden fasst 150 Gäste, die Hälfte sollte es schon sein, damit ein Abend stimmungsvoll wird.

Gesellschaftliches Anliegen und krachende Gitarren

Vielleicht fühlt sich nicht jeder wohl in den angejahrten, aber authentischen Räumen. Gitarren hängen an den Wänden, ein altes Sofa steht im Clubraum, Musik- und Politikplakate überall. Schanzenviertel-Stil, aber nicht auf alt gemacht, sondern wirklich alt. Und wie in der Schanze gibt es auch hier ein gesellschaftliches Anliegen: für den Erhalt kleiner Clubs, gegen reine Kommerz-Events. Dazu noch mehr nachbarschaftliches Miteinander.

Für diese Anliegen fehle in Harburg aber zunehmend das Publikum, sagt Heimo Rademaker. „Unser Stadtteil ist multikulti, aber trotz unserer Offenheit und vieler Einladungen interessieren sich die anderen Kulturen wenig für unsere Musik und Themen.“

Von der Mutter im Ohnsorg-Theater angelernt

Neben dem „Ballroom“ gibt es deshalb in Harburg nur noch zwei ähnliche Kulturangebote, den „Rieckhof“ und das „Stellwerk“ im Bahnhof.

Wie sein Laden selbst ist auch Heimo Rademaker urig, ein Hamburger durch und durch. Lange Haare, Brille, Bart, und ’n beten platt snackt er ook. Das Bar-Leben hat er früh bei seiner Mutter kennengelernt, denn die arbeitete unter anderem im Ohnsorg-Theater, damals noch in den Großen Bleichen beheimatet. Dort saß Heimo Rademaker als Junge auf dem Schoß von Schauspielerin Heidi Kabel und bekam von deren Bühnenkollegen Henry Vahl eine Cola spendiert. „Das Geschäftemachen liegt mir seitdem im Blut“, sagt er.

„Nur der Blankeneser wohnt an der Elbe“

Heimo Rademaker hört gern Rock und Hits der 1940er-Jahre von Dean Martin. Außerdem mag er Independent-Musik. Seine Lieblingsband ist Future Island. „Die haben das Uebel & Gefährlich mit 1200 Leuten voll gemacht. Deswegen würden die leider auch nie zu uns kommen. Dafür sind wir zu klein.“

Gerne mokiert sich der Harburger Lokalpatriot über die Nord-Hamburger. Die fragen sich auf dem Weg zu ihm beim Überqueren des zweiten Flusses, ob sie schon an der Weser sind. Darüber kann Heimo Rademaker nur den Kopf schütteln. „Eines muss ich mal klarstellen“, sagt er und wird ausnahmsweise ganz streng: „Hier bei uns, das ist die Süderelbe. Bei euch drüben heißt es Norderelbe. Nur der Blankeneser, der wohnt an der Elbe.“

Heimo
Immer mittendrin: Heimo mischt die Musik im Ballroom selbst.

Autorin: Anja-Katarina Riesterer

21. November 2014 von Redaktion

Kategorien: Hamburg musiziert, Kulturgenuss

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