Portrait: Anne Oschatz

Interview: Über Urban Heroes

Anne Oschatz fotografiert am liebsten Menschen – und die am liebsten mitten aus dem Leben. Die „Urban Heroes“ in Hamburg, wie sie sie nennt, beeindrucken sie dabei am meisten: Zum Bespiel der Kümmerer vom Hansaplatz, Viktor der Maler oder auch die Flüchtlingskinder des Spieltigers.

Warum das Medium Fotografie?

Anne Oschatz: Wenn ich schreiben könnte, würde ich schreiben. Und ich würde sehr gerne schreiben können. Aber ich kann es nicht gut. Und als mir mein Vater mit zwanzig seine alte Minolta-Kamera geschenkt hat, geschah etwas mit mir: Ich war wie vom Jagdfieber gepackt. Damals bin ich nach London gezogen und habe mit der Kamera in der Hand die Stadt entdeckt. Alles lief da noch analog und es gab diesen phantastischen Moment in der Dunkelkammer, wenn man das Bild zum zweiten Mal entdeckt. Das hatte etwas Magisches und hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Foto-Serie von Anne Oschatz: Der Kümmerer vom Hansaplatz

Hamburg ist eine aufgeräumte Stadt. Damit das so ist gibt es Menschen wie Robert Szweijk. Der Angestellte der Stadtreinigung Hamburg wird auch der „Kümmerer vom Hansaplatz genannt. Die Foto-Story entstand für das Buch „Ein Tag in Deutschland“.

Was machen deine Fotos aus?

Anne Oschatz: Seine eigene Bildsprache erkennt man ja erst, wenn man seine Bilder vergleicht. Das ist mir das erste Mal passiert, als ich meine Fotos bei einer Bild-Agentur auf die Website hochgeladen und sie zwischen den Bildern anderer Fotografen gesehen habe. Da ist mir klar geworden, dass mir Authentizität wichtig ist. Ich mag inszenierte Studio-Fotografie nicht. Ich mag lieber das Echte, Realistische – in Bildern und bei Menschen.

Besonders gerne fotografiere ich in der Natur. Da versuche ich bestimmte Lichtstimmungen, Farben und Momente einzufangen. Es geht mir um die ganz alltäglichen Bilder der Poesie. Das muss nicht immer idyllisch sein – aber ich mag lieber Motive fotografieren, die mich erheben.

Foto-Serie von Anne Oschatz: Essen auf Rädern

Die HKH Hamburger Küche & Heimkost GmbH liefert täglich bis zu 3.000 warme Mahlzeiten mit 75 Fahrzeugen aus. Die Foto-Serie entstand für das Buch „So isst Deutschland“, das im November diesen Jahres im D-Punkt-Verlag erscheint.

Hat die Fotografie deinen Blick auf die Welt verändert?

Anne Oschatz: Ich habe einen Blick für Details. Ich weiß nicht, ob ich den schon vorher hatte und ihn dann über Bilder festgehalten habe, oder ob er sich durch das Fotografieren entwickelt hat. Aber auf jeden Fall gehe ich ständig mit einer Kamera durch die Welt – auch wenn ich meine Kamera nicht dabei habe. Manchmal mache ich dann sogar die Bewegung, als würde ich auslösen (lacht).

Foto-Serie von Anne Oschatz: Afrika in Hamburg

Seiko kommt aus Gambia und ist Bauarbeiter. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Hamburg. Er liebt Musik und Flohmärkte. Das Foto stammt aus der Interview-Serie „Afrika in Hamburg“.

Dein neuestes Projekt dreht sich um Spieltiger und Flüchtlingskinder. Worum geht es genau?

Anne Oschatz: Ich habe den Film „Can’t be silent“ (www.cant-be-silent.de) von Heinz Ratz gesehen. Der ist in 80 Flüchtlingslager in Deutschland gefahren, hat dort Musiker zusammengetrommelt und mit ihnen Konzerte gegeben. Mich hat es sehr bewegt, in welch‘ einer unsicheren und an den Rand der Gesellschaft gedrängten Situation Flüchtlinge leben müssen – und zwar dauerhaft.

Dann habe ich den Dokumentarfilmer Armin Jessnitz getroffen. Der kannte jemanden vom Verein Spieltiger (www.spieltiger.de) – und so haben wir die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Vereins begleitet, die mit ihrem Spielbus zu verschiedenen Flüchtlingslagern in Hamburg fahren. Manche Kinder kennen die Mitarbeiter schon seit ihrer Geburt. Es ist sehr berührend zu sehen, wie einfach es ist, Freude zu schenken – und wie wichtig!

Spieltiger: Fotos von Anne Oschatz

Der Spieltiger ist ein Spielbus des gleichnamigen Vereins, der Kinder in Flüchtlingslagern in Hamburg besucht. Diese Fotos sind für eine Ausstellung entstanden.

Was reizt Dich an Deinen Projekten?

Anne Oschatz: Die kommen bei mir von innen. Ich sehe einfach viel. Ich sehe Menschen und ich sehe auch Not. Die will ich fotografieren, um sie für andere sichtbar zu machen. Es sind meine Herzensthemen, mit denen ich natürlich kein Geld verdienen kann. Dennoch bereichern mich diese Projekte sehr und beflügeln meine Kreativität.

Über Anne Oschatz

Die Hamburger Fotografin hat sich auf Porträt-Fotografie spezialisiert. Dabei zeigt sie die Menschen viel lieber in ihrer eigenen Umgebung als im Studio. Ihre Bilder wurden unter anderem in der taz, der Brigitte, dem Straßenmagazin Hinz&Kunzt und dem Rolling Stone veröffentlicht. Neben Auftragsarbeiten für Firmen, Musiker und Künstler engagiert sie sich regelmäßig für gesellschaftliche Themen. In einem Interview hat sie uns mehr von sich verraten. Weitere Infos und Bilder finden sich auf www.anneoschatz.de 11. Dezember 2013 von Redaktion

Kategorien: Hamburg fotografiert, Kulturgenuss

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