Die Stadt der Frauen

Wie Frauen in Hamburg gelebt, gearbeitet und gelitten haben, enthüllt eine App der Landeszentrale für politische Bildung. Mit ihr kann man durch die Stadt auf Zeitreise gehen und Hamburg als eine Stadt der Frauen entdecken.

In den zwanziger und dreißiger Jahren des vorherigen Jahrhunderts war der Künstlerkeller “Tante Clara“ an der Ecke Raboisen/Brandsende weltbekannt. Clara Benthien war die gute Seele des Lokals. Manchmal sang sie mit ihrer rauchigen Stimme für die Gäste. Sie war eigentlich Hutmacherin, aber in der Weinstube ihres Mannes, einem Hamburger Unternehmer und Maler, hatte sie ihre Berufung gefunden. Dass sich Frauen beruflich verwirklichen konnten, kam damals eher selten vor.

Wegen der Moral auf den Scheiterhaufen

Ein Stück weiter in den Langen Mühren, wo heute Saturn und Kaufhof stehen, war früher der Schweinemarkt. 1701 machte man hier einen gruseligen Fund: eine Frauenleiche ohne Kopf. Die Tote war eine Bauersfrau. Der Mord wurde der Hökerin Ilsabe Bunck und zwei weiteren Personen angelastet. Die Geständnisse wurden unter der Folter erpresst, die Angeklagten galten als überführt und wurden mit dem Feuertod bestraft. Beweise fand man nicht. Hintergrund für diesen Justizmord war wohl der angeblich unmoralische Lebenswandel von Ilsabe Bunck. Bereits als Jugendliche hatte sie Männerkleider angezogen, in Rotterdam als Knecht gearbeitet und später in der dänischen Armee gedient. Man beschuldigte sie der Sodomie, wie man damals auch die gleichgeschlechtliche Liebe bezeichnete.

Die Geschichte der Frauen entdecken

Viele Geschichten über Hamburger Frauen aus ganz unterschiedlichen Jahrhunderten hat Rita Bake akribisch recherchiert und für eine Datenbank mit Frauenbiografien zusammengetragen. Das Projekt der Landeszentrale für politische Bildung gibt es nun auch als kostenfreie App. Mit ihr kann man durch die Stadt spazieren und sehen, welche Frauen im näheren Umfeld gelebt, gearbeitet und auch gelitten haben. So wird Hamburgs Geschichte noch einmal neu geschrieben – aus Frauensicht.

 

Begegnungen bei einer Zeitreise

1.200 digitale Denkmäler gibt es nun durch die App in der Stadt. Da findet man Marion Gräfin Dönhoff, die es als Mitherausgeberin der Zeit ganz nach oben schaffte, oder Inge Meysel, die am Thalia Theater spielte, aber auch zusammen mit Alice Schwarzer den “Stern“ wegen seiner sexistischen Titelbilder verklagte. Da stößt man auf Loki Schmidt, Domenika Niehoff, die wohl bekannteste Domina, oder auf Ingrid Reuß, in den vierziger Jahren die einzige Quartiersfrau. Man nannte sie einst die Jeanne d’Arc der Speicherstadt, weil sie in den 80er Jahren für den Erhalt der Speicher als Warenlager kämpfte. Die Firma ihres Vaters Carl Wolter gibt es noch heute im Hafen.

Historisches entdecken

Die App liefert in den Biografien auch gleich den historischen Zusammenhang, etwa ein Stück Speicherstadtgeschichte oder Informationen über die Kultur der Damenstifte, in denen Witwen oder unverheiratete junge Frauen Unterschlupf fanden. Eines dieser Damenstifte stand einmal auf dem heutigen Rathausmarkt, das ehemalige St.-Johannes-Kloster, das nach der Reformation zum weltlichen Wohnort für Frauen wurde. Nach mehreren Umzügen, zwischenzeitlich auch an den Klosterwall, befindet es sich heute in der Heilwigstraße und ist immer noch ein Damenstift, oder modern ausgedrückt:  ein Altersruhesitz für Frauen.

Frauen retteten die Stadt

Hamburg war sogar gelegentlich auf die Hilfe von Frauen angewiesen. Auch das erfährt man mit der App. Die Frauen des Beginenkonvents – eine Art mittelalterliche Frauenbewegung mit Sitz in der Steinstraße – haben die klamme Stadt mit Krediten unterstützt. Auch Sara Warbug , die, ungewöhnlich für Frauen im 19. Jahrhundert, eine Zeit lang die Geschäfte der Warburg Bank führte, rettete Hamburg vor dem Bankrott. Im Dezember 1857 brachte ein Eisenbahnzug Silberbarren im Wert von drei Millionen Talern nach Hamburg. Für die Leihgabe von der Österreichischen Nationalbank hatte sie ihre verwandtschaftlichen Beziehungen spielen lassen.

Geschichte aus Frauensicht

Dass Frauen schließlich auch ins Hamburger Rathaus einziehen konnten und politisch eine Stimme bekamen, ist unter anderem Gustava Lida Heymann zu verdanken. Sie erkämpfte mit Weggefährtinnen das Frauenwahlrecht, das es seit 1919 gibt. Ihre Gedenktafel hängt in der Europapassage, etwas unscheinbar leider, aber mithilfe der App findet man sie und vieles mehr auf dieser Zeitreise mit vielen spannenden Frauenbiografien.

 

Hier geht es zu der APP

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Autorin: Herdis Pabst
Titelfoto: © HAMBURGschnackt.de
Foto: Historikerin Rita Bake © Rita Bake

10. Oktober 2018 von Redaktion

Kategorien: Hamburg entdeckt, Stadtliebe

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